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Risiko Herzmuskelschwäche : Nächtliche Elektroschocks als Lebensretter

  • -Aktualisiert am

Illustration eines permanenten Schrittmacher-Implantats Bild: Shutterstock

Bei einer Herzmuskelschwäche wird vielen Erkrankten ein Defibrillator implantiert. Das hilft aber nicht allen Patienten. Eine Studie zeigt nun, dass die nächtliche Atemfrequenz für einen Therapieerfolg ausschlaggebend sein könnte.

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          Patienten mit Herzmuskelschwäche tragen ein erhöhtes Risiko, an Entgleisungen des Herztakts zu versterben. Je ausgeprägter zudem der Kräfteschwund ihres Kreislauforgans ist, desto eher entwickeln sich lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen.

          Unterschreitet die Pumpleistung des Herzens einen bestimmten Schwellenwert, kommt gemäß den Leitlinien die Implantation eines automatischen Defibrillators in Betracht. Über das Venensystem ins Herz geschoben, sind solche Miniatur-Schockgeber in der Lage, gefährliches Herzrasen zu erkennen und mit einem Stromstoß zu beenden. Für die einen ein Segen, sind sie für viele andere aber eher ein Fluch. Denn nur etwa 30 Prozent aller Patienten, die mit solchen Geräten versorgt werden, können hiervon profitieren. Bei den übrigen 70 Prozent ist dies aus unterschiedlichen Gründen nicht der Fall.

          Dem oft fehlenden therapeutischen Nutzen stehen aber einerseits hohe Kosten und andererseits ernstzunehmende Risiken gegenüber. So können die Sonden der Geräte brechen oder verrutschen, die Batterien versagen oder auch weitere Defekte auftreten, die einen Geräteaustausch unumgänglich machen. Ein solcher Eingriff ist jedoch oft heikel, da die Sonden mit dem umliegenden Gewebe mehr oder weniger stark verwachsen und sich daher oft nur schwer entfernen lassen.

          Nächtliche Atemfrequenz als diagnostischer Wegweiser

          Von großem Nutzen wären daher Indikatoren, mit denen sich der Erfolg der Defibrillator-Therapie besser als bisher abschätzen lässt. Ein besonders aussagekräftiger und obendrein leicht zu messender diagnostischer Wegweiser scheint die nächtliche Atemfrequenz zu sein. Hierfür sprechen zumindest die im Lancet-Journal „EClinicalMedicine“ publizierten Ergebnisse einer großen europäischen Studie, an der Wissenschaftler um den Kardiologen Georg Schmidt vom Klinikum rechts der Isar der TU München federführend beteiligt waren.

          Bereits in den siebziger Jahren hatten Ärzte festgestellt, dass Herzkranke mit rascher Atmung vorzeitig versterben. An diese und eigene Beobachtungen anknüpfend, sind die Münchner Wissenschaftler der Frage nachgegangen, ob die – willentlich nicht beeinflusste – nächtliche Atemfrequenz Rückschlüsse auf die Erfolgsaussichten einer Defibrillator-Therapie erlaubt. Hierzu analysierten sie die Gesundheitsdaten von knapp 2000 Männern und Frauen, die durchschnittlich 62 Jahre alt waren und an fortgeschrittener Herzmuskelschwäche litten. Allesamt Kandidaten für eine Defibrillator-Therapie, hatten rund 1400 der Probanden ein solches Gerät erhalten, während die übrigen 600 Herzkranken als Vergleich dienten.

          Wie Schmidt und seine Kollegen schreiben, verstarben rund 15 Prozent der mit einem Defibrillator versorgten Personen innerhalb von zweieinhalb Jahren – etwa dreißig Prozent weniger als im anderen Kollektiv. Ursächlich für den Überlebensvorteil war, dass das Elektroschockgerät bei 100 Patienten ein schweres Herzrasen beendet und damit vermutlich einen plötzlichen Herztod abgewendet hatte. Wie weitergehende Untersuchungen ergaben, handelte es sich bei den Geretteten fast ausschließlich um Personen mit langsamer Nachtatmung. Je rascher umgekehrt die nächtliche Atemfrequenz ausfiel, desto geringer war der Nutzen der automatischen Schockgeber. Die kritische Schwelle betrug dabei 18 Atemzüge pro Minute: Lag die Atemfrequenz darunter, senkte der Defibrillator die Sterblichkeit um rund 50 Prozent und war damit sehr effektiv; lag sie hingegen darüber, zeigte das Verfahren keine therapeutische Wirkung.

          Rasche Atmung zeigt schwindende Kräfte des Herzens

          „Die beschleunigte Atemfrequenz ist sehr subtil, sie lässt sich mit bloßem Auge nicht erkennen, denn die Betroffenen schnappen nicht nach Luft“, erklärt Georg Schmidt im Gespräch. Weshalb eine rasche Atmung die Überlebensaussichten von Herzkranken verringert, lässt sich indes erst unzureichend beantworten. „Möglicherweise ist sie das Resultat einer abhandengekommenen physiologischen Reaktion“, vermutet Schmidt. „Gesteuert wird die Atemfrequenz hauptsächlich vom Hirnstamm, der seinerseits auf Stoffwechselprodukte und mechanische Einflüsse reagiert“, so der Kardiologe weiter. Nachts sei die Atmung normalerweise langsamer, weil der Energieverbrauch während des Schlafs abnimmt und die Lunge daher weniger Kohlendioxid abatmen muss.

          Versage dieser Regulationsmechanismus, wie im fortgeschrittenen Stadium einer Herzmuskelschwäche zu beobachten, bleibe die nächtliche Atemfrequenz hoch. Eine rasche Atmung sei daher möglicherweise ein Hinweis, dass das Herz seine schwindenden Kräfte nicht mehr – etwa über eine Steigerung des Herzschlags oder andere Mechanismen – kompensieren kann. Entwickle sich dann ein schweres Herzrasen, könne ein Defibrillator nichts mehr erreichen und sei daher nur noch belastend, stellt der Münchner Kardiologe fest. Einer sachgerechten medikamentösen Therapie komme in dem Fall besonders große Bedeutung zu. Sie sei der einzige Weg, die Sterblichkeit der Betroffenen zu verringern.

          In weiteren Studien wollen die Münchner Forscher prüfen, ob die Atemfrequenz in Kombination mit weiteren diagnostischen Parametern noch genauere Aussagen über den Nutzen von implantierbaren Schockgebern erlaubt. Je besser dies gelingt, umso mehr wird nicht zuletzt das Gesundheitssystem entlastet. Denn allein die Implantation dieser Geräte verursacht europaweit Kosten von rund zwei Milliarden Euro im Jahr.

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