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Alle Jahre wieder : Wenn der Weihnachtsbesuch auf den Darm schlägt

Das Wissen des Schwiegerdarms: Weihnachten mit den Eltern des Partners ist für viele stressiger als Feiertage bei der eigenen Familie. Bild: DEEPOL by plainpicture/HalfPoint

Weihnachten bei den Schwiegereltern kriegt auch die Darmflora mit. Dies zeigt, wie eng Darm und Psyche verbunden sind.

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          Es ist die schönste Zeit, es ist die stressigste Zeit im Jahr: Weihnachten mit der Familie. Verdrängte Streitigkeiten werden durch vom Rotwein gelockerte Zungen wiederbelebt, Tränen über unpassende Geschenke vergossen, und im Ofen verkohlt die Gans. Aber das Feiertagsspektakel scheint auch an den bakteriellen Bewohnern des Darms seine Spuren zu hinterlassen. Das fanden Mediziner des Amsterdam University Medical Center in einer Mitte August im „Human Microbiome Journal“ veröffentlichten Arbeit heraus. Sie hatten wissen wollen, ob sich der in den Weihnachtstagen durch Kalorien, Alkohol und soziale Interaktionen plötzlich veränderte Lebensstil im Mikrobiom niederschlägt. Nach ihren Erkenntnissen tut er das insbesondere dann, wenn man die Feiertage bei den Schwiegereltern verbringt. Im Stuhl solcher Probanden waren Bakterien vom Typ Ruminococcus deutlich verringert. Dieses Phänomen wird mit Stress und Depressionen assoziiert.

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unser Körper ist die Heimat von mehr Mikroben, als er eigene Zellen hat. Schätzungsweise leben im Darm mindestens tausend verschiedene Bakterienarten. Dieser Mikrobenmix ist bei jedem Menschen so einzigartig, dass Forscher der Harvard-Universität ihn in einer Studie vom August 2019 als mikrobiologischer Fingerabdruck bezeichneten. Viele der Bakterien sind harmlos, einige nützlich, andere gefährlich – in jedem Fall sind sie enorm wichtig für die Gesundheit. Das Mikrobiom wird von vielen Faktoren beeinflusst, vorwiegend der Nahrung, aber auch genetische Veranlagungen, Krankheiten und Medikamente spielen eine Rolle. Die Darmbewohner wirken wiederum auf den Verlauf von Krankheiten zurück, besonders von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn. Sie beeinflussen auch, ob und wie Medikamente anschlagen, beispielsweise das Diabetes-Mittel Metformin. Und auch bei psychischen Problemen finden sich Hinweise in der Darmschleimhaut: Das „Flämische Darmflora-Projekt“ untersuchte über tausend Probanden und entdeckte, dass bei Depressiven bestimmte Bakterienstämme seltener vorkamen.

          Das sorgte Anfang des Jahres für Aufruhr, denn wie die Einzeller im Darm unser Wohlbefinden beeinflussen, ist noch längst nicht verstanden. Oder sind es Krankheiten und Stress, welche die Bakterien verändern? Ein bisher ungelöstes „Henne oder Ei“-Problem. Reichen wirklich schon Weihnachtstage mit den Schwiegereltern, um die Darmflora aus dem Gleichgewicht zu bringen, wie der Versuch aus den Niederlanden nahelegt?

          Wie kommunizieren Darm und Hirn?

          Zumindest für Frauen scheint enger Kontakt zu den Schwiegereltern generell ein gewisses Gesundheitsrisiko darzustellen: Studien aus Pakistan und Japan zeigten, wer sich oft mit den Schwiegereltern streitet, wird häufiger von Depressionen und Angststörungen gequält. Lebt man unter einem Dach, verdoppelt sich die Gefahr für die Frau, an einer Koronaren Herzkrankheit zu erkranken. Freilich sind dies nur Korrelationen und keine Beweise für einen gesundheitsschädigenden Effekt von Schwiegereltern.

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