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Weichteilrheuma : Von wegen nur eingebildet

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Feine Nervenfasern der Haut betroffen

Aber Mediziner entdecken inzwischen auch mehr und mehr körperliche Ursachen für die Symptome ihrer Patienten. Seit es eine einheitliche Diagnose gibt, können sie in Studien systematisch danach suchen. Durch ihr Nachforschen kam unter anderem heraus, dass Fibromyalgie-Patienten deshalb selbst leichte Berührungen als schmerzhaft wahrnehmen, weil ihr zentrales Nervensystem diese Reize offenbar verstärkt. Gleichzeitig reagieren bei ihnen jene Netzwerke im Gehirn schwächer, die Schmerzen normalerweise dämpfen würden. Mittels Kernspintomographie ließen sich deutliche Unterschiede der Gehirnaktivitäten im Vergleich zu Gesunden feststellen. Außerdem scheinen die Betroffenen empfindlicher auf Stress zu reagieren.

Auch ihr Immunsystem ist nicht im Gleichgewicht. Untersucht man Blutproben von Patienten, fällt auf, dass es an bestimmten Botenstoffen mangelt: so beispielsweise an speziellen Zytokinen, welche die Abwehrreaktionen des Körpers bremsen und den Schlaf beeinflussen. Die Folge könnten schwelende Entzündungen im Gewebe und Schlafstörungen sein. Letztere können aber auch auf den Mangel des Wachstumsfaktors IGF-1, zurückgehen oder durch höhere Cortisol-Konzentrationen am Abend verursacht werden. Der Botenstoff Serotonin ist offenbar ebenfalls am Geschehen beteiligt, er beeinflusst das Schmerzempfinden, die Gefühlslage und den Schlaf. In Fallstudien fanden sich außerdem Hinweise darauf, dass erbliche Faktoren eine Rolle spielen. Allerdings ist wohl, wie so oft, nicht ein einzelnes Gen verantwortlich, sondern mehrere, wenn die Krankheit in einer Familie häufiger vorkommt.

Auf der Suche nach möglichen Ursachen entdeckte nun die Neurologin Claudia Sommer mit ihrer Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Würzburg neue Hinweise. Das Team untersuchte die feinen Nervenfasern der Haut, die Temperatur- und Schmerzreize weiterleiten. Diabetiker beispielsweise spüren einen brennenden Schmerz in den Füßen, wenn diese Nerven geschädigt sind. In einer demnächst erscheinenden Studie belegt Sommer mit Hilfe von elektronenmikroskopischen Aufnahmen, dass diese Fasern bei Fibromyalgie-Patienten dünner sind als bei Gesunden. Das scheint auch der Grund dafür zu sein, dass sie sensibler reagieren. Forscher am nationalen Zentrum für Kardiologie in Mexiko-Stadt fanden eine schnelle und einfache Methode für eine solche Faseranalyse: Sie erkennen zwischen Fibromyalgie-Patienten und Gesunden bereits einen Unterschied, wenn sie die Hornhaut des Auges mikroskopisch betrachten.

Sich nicht mehr für die Krankheit rechtfertigen müssen

Alle diese Ergebnisse sind jedoch nur Details, die noch kein Gesamtbild der Fibromyalgie liefern und nicht die Vielfalt der Symptome erklären können. In Fachkreisen wird deshalb nach wie vor diskutiert, ob es sich überhaupt um ein einheitliches Krankheitsbild handelt. „Wenn Sie fünf Ärzte fragen, was die Fibromyalgie ist, bekommen Sie fünf unterschiedliche Antworten“, schildert Claudia Sommer ein grundsätzliches Problem. Sie schlägt deshalb vor, Untergruppen von Patienten zu bilden und sie genauer zu betrachten. Wisse man etwa, was bei einem Patienten überwiegt, ob zum Beispiel die schwelende Entzündung, die Verstärkung der Schmerzreize im Gehirn, Nervenschäden oder eine psychosomatische Ursache im Vordergrund stehen, dann könne man ihn auch gezielter behandeln.

Kaum hatte Claudia Sommer vor zwei Jahren Ergebnisse veröffentlicht, die aufgrund der veränderten Reizleitung einen Schaden der kleinen Nervenfasern nahelegten, erhielt sie jede Menge Zuschriften von Patienten. Die fühlten sich endlich bestätigt in ihrer Auffassung, sich ihre Schmerzen nicht nur einzubilden. Im Mainzer Gesprächskreis war die Freude ebenfalls groß. „Wir wollen uns nicht ständig für unsere Krankheit rechtfertigen müssen“, sagt Christiane Solbach. Sie organisierte damals prompt einen Informationsabend für Angehörige und stellte die wissenschaftlichen Studienergebnisse vor. So mancher Ehemann ging anschließend kleinlaut nach Hause.

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