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Weichteilrheuma : Von wegen nur eingebildet

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Was die Beschwerden verursacht, ist nach wie vor unklar. Marion Traub, Chefärztin der Psychosomatik in der Wicker-Klinik Bad Wildungen, ist überzeugt davon, dass die Psyche eine große Rolle spielt. Traub beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit dem Krankheitsbild. Ihr fiel dabei auf, dass häufig solche Patienten eine Fibromyalgie entwickeln, die etwa Missbrauch oder andere traumatische Erfahrungen im Elternhaus erlebt haben. Diese Erlebnisse können zur Folge haben, dass sie ihre Gefühle nicht adäquat wahrnehmen und beschreiben können. Ärzte und Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Alexithymie oder Gefühlslegasthenie. Ein Schutzreflex, so beschreibt es Traub, versperre den Zugang zu den eigenen Emotionen. Seelisches Leid wird dann als körperliches wahrgenommen. Manifestiert es sich als Schmerz, spricht man von einer somatoformen Schmerzstörung. „Ich zähle die Fibromyalgie dazu. Die Patientengruppen sind sich sehr ähnlich“, sagt Traub.

Alles nur eingebildet?

In der Wicker-Klinik besteht die Behandlung, wie bei Fibromyalgie allgemein empfohlen, aus verschiedenen Komponenten. Die Patienten erhalten zur Schmerzlinderung keine Opioide, sondern unter anderem Amitriptylin, eigentlich ein Antidepressivum. Außerdem sollen sie sich bewegen, was sie aufgrund ihrer Schmerzen sonst gerne vermeiden. Ihnen kann Wassergymnastik helfen, aber auch Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen wie Qigong oder Tai-Chi kommen zum Einsatz. In Studien wurde nachgewiesen, dass diese nicht nur Körperfunktionen und Gleichgewichtsgefühl verbessern, sondern auch den Schlaf. Daneben gehört eine Psychotherapie zum Konzept in Bad Wildungen. Die Patienten sollen ihre Erkrankung annehmen und lernen, trotz Schmerzen den Alltag zu bewältigen. In vielen Fällen leiden sie zusätzlich unter psychischen Erkrankungen, etwa Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen, die dann gezielt angegangen werden. Wobei Depressionen einer Fibromyalgie vorangehen oder umgekehrt deren Folge sein können.

Viele Betroffene tun sich allerdings schwer damit, wenn ihr Leiden als psychosomatisch beschrieben wird. Für sie ist das ein Stigma, als würden sie sich die Beschwerden nur einbilden. Deshalb schreibt die deutsche Fibromyalgie-Vereinigung auf ihrer Internetseite auch: „Das Fibromyalgie-Syndrom ist nicht psychisch bedingt.“ Doch in der Psychosomatik geht es gerade darum: Seelisches Leid schadet dem Körper spürbar. Die Schmerzen der Patienten sind natürlich echt. Fibromyalgie-Patienten fällt es dennoch schwer, zu akzeptieren, dass ihre Erkrankung nicht nur körperliche Ursachen hat. Sie seien extrem leistungsorientiert, sagt Marion Traub, und überschritten häufig die eigenen Grenzen, bis hin zum Zusammenbruch. Eine physische Erklärung lasse sich besser mit ihrem Selbstbild vereinbaren.

Auch die Frauen der Mainzer Selbsthilfegruppe haben ihre Erfahrungen mit psychosomatischen Reha-Kliniken gesammelt. Eine Betroffene Ende fünfzig beispielsweise erzählt, die Therapeuten hätten ihr zu verstehen gegeben, die Beschwerden seien nur eingebildet, und ist noch immer empört darüber. Solbach beschwichtigt: Eine Psychotherapie sei sehr wichtig, viele Patienten hätten Probleme, die sie angehen sollten, und brauchten Unterstützung im Umgang mit den Schmerzen. Sie hält eine Therapie zu Hause für das Beste: „Oft verwirrt eine psychosomatische Reha.“

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