https://www.faz.net/-gwz-6m6at

Wasserkult : Viel trinken müssen - eine Mär?

  • -Aktualisiert am

Eine Missachtung des körpergesteuerten Trinkverlangens kann mitunter sogar Schaden anrichten. Wie die Erfahrungen im Ausdauersport zeigen, führt eine übermäßige Flüssigkeitszufuhr bei manchen Menschen zu einer kritischen Verdünnung des Elements Natrium im Blut. Im Extremfall mündet ein solcher Natriummangel, eine Hyponatriämie, in Wasseransammlungen in den Organen bis hin zu einer - unter Umständen tödlichen - Hirnschwellung.

Die Häufigkeit von sportbedingten Hyponatriämien habe Ende des vergangenen Jahrhunderts auf einmal stark zugenommen, schreibt Timothy Noakes vom Institut für Sportwissenschaften der Universität in Cape Town/Südafrika im „British Journal of Sports Medicine“ (Bd. 45, S. 475). Denn die tonangebenden sportmedizinischen Fachgesellschaften hätten damals empfohlen, bei der Ausübung von - schweißtreibenden - Sportarten viel zu trinken.

Die Fachgesellschaften rudern zurück

Wie neuere Untersuchungen zeigen, weisen mittlerweile bis zu 13 Prozent aller Marathonteilnehmer, darunter vorwiegend unerfahrene Läufer, Anzeichen einer Hyponatriämie auf. Der Verlust von Natrium über den Schweiß scheint dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Maßgeblich verantwortlich für diese Störung ist vielmehr ein übermäßiger Flüssigkeitskonsum - ob mit oder ohne Zusatz von Elektrolyten. Darauf verweisen der amerikanische Sportmediziner James Winger vom Medizinischen Zentrum der Universität in Maywood ( Illinois) und zwei Kollegen im „British Journal of Sports Medicine“ (Bd. 45, S. 646).

Viele der einflussreichen sportmedizinischen Fachgesellschaften sind inzwischen bereits wieder zurückgerudert und haben ihre Trinkmengenempfehlungen gleichsam eingedampft. Einige Experten halten solche Vorgaben insgesamt für kontraproduktiv, zumal der Flüssigkeitsbedarf individuell unterschiedlich ist. So empfiehlt die International Marathon Medical Directors Association (IMMDA) sportlich aktiven Personen, die Flüssigkeitsaufnahme vornehmlich nach dem Durstgefühl zu richten (“Clinical Journal of Sports Medicine“, Bd. 16, S. 283). Mitunter könne es allerdings sinnvoll sein, mehr zu trinken, als der Körper fordert. Das sei etwa der Fall, wenn hohe Außentemperaturen herrschen und der Sportler nicht an Hitze gewöhnt ist.

Verbindungen von Forschern zur Getränkeindustrie?

Im Gegensatz hierzu propagiert das American College of Sports Medicine (ACSM), die weltweit größte sportmedizinische Fachgesellschaft, die Trinkmenge nach den Schweißverlusten und nicht nach dem Durstgefühl zu bemessen. Interessanterweise pflegen etliche Verfasser des betreffenden Positionspapiers enge Verbindungen mit der Getränkeindustrie, die den Flüssigkeitskonsum offenbar gern noch weiter ankurbeln würde. Ein solcher Verdacht entsteht jedenfalls, wenn man sich etwa die Website der „Hydration for Health Initiative“ des französischen Nahrungs- und Mineralwasserherstellers Danone ansieht. Unter der Überschrift „Wir trinken nicht genug Wasser“ wird hier suggeriert, dass viele Menschen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen würden, weil sie zu wenig Wasser trinken (www.h4hinitiative.com/about-healthy-hydration/we-dont-drink-enough-water/).

Zwar entstehen tatsächlich immer mehr Studien, deren Autoren Hinweise darauf sehen, dass selbst eine geringe Dehydrierung an der Entstehung verschiedener Krankheiten mitwirken kann. Doch es handelt sich bisher fast ausnahmslos um Studienergebnisse, die, wenn überhaupt, nur geringe Aussagekraft besitzen.

Weitere Themen

Der lange Weg ins Weiße Haus Video-Seite öffnen

Videografik : Der lange Weg ins Weiße Haus

Etappensieg für Bernie Sanders auf dem langen Weg ins Weiße Haus: Der linksgerichtete Senator hat die wichtige Präsidentschaftsvorwahl der Demokraten im Bundesstaat New Hampshire für sich entschieden. In Vorwahlen bestimmt jeder Bundesstaat die Kandidaten von Demokraten und Republikanern, die später auf Wahlparteitagen auf den Schild gehoben werden.

Topmeldungen

Norbert Röttgen am Dienstag in der Bundespressekonferenz in Berlin

Röttgen zu Bewerbung : „Es geht um die Zukunft der CDU“

Er ist der vierte Bewerber aus Nordrhein-Westfalen: Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen will Annegret Kramp-Karrenbauer an der Spitze der CDU beerben. Er stellt einen Sechs-Punkte-Plan vor und kritisiert die Politik der Kanzlerin.
Angehörige der uigurischen Minderheit in China demonstrieren 2009 in der Unruheregion Xinjiang in Nordwestchina.

Internierte Muslime in China : Willkür mit System

Ein internes chinesisches Regierungsdokument zeigt, dass schon ein falscher Mausklick ausreicht, um in Xinjiang im Umerziehungslager zu landen. Auch wer zu viele Kinder hat, macht sich verdächtig.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.