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Impfdurchbrüche : Warum so viele Geimpfte im Krankenhaus landen

Nicht nur Ungeimpfte landen mit Covid-19 im Krankenhaus. Gegen die Wirksamkeit der Impfungen spricht das allerdings nicht. Bild: dpa

45 Prozent der hospitalisierten Covid-Patienten über 60 sind geimpft. Dass uns diese Zahl so verunsichert, ist auch einem psychologischen Effekt geschuldet, der schon vor knapp 50 Jahren beschrieben wurde.

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          Bei allem Frustrations- und Schreckenspotential, das diese Pandemie nun schon seit knapp zwei Jahren mit sich bringt, können sich zumindest die statistisch Interessierten regelmäßig freuen: Selten gab es eine solche Fülle lebensnaher Fallbeispiele für kontraintuitive statistische Effekte. Ein besonders schwer zu schluckendes ist derzeit jede Woche im Corona-Bericht des RKI in der Tabelle zu den wahrscheinlichen Impfdurchbrüchen zu finden. Demnach waren etwa 45 Prozent der im vergangenen Monat hospitalisierten Patienten über 60 geimpft.

          Aber wurde nicht immer behauptet, die Ungeimpften würden diejenigen sein, die in der nächsten Welle die Krankenhäuser füllen würden? Bringt die Impfung überhaupt etwas, wenn es dann genauso auch die Geimpften trifft?

          Wer diese Zahl verstehen will, muss berücksichtigen, dass in Deutschland die Gruppe der Geimpften deutlich größer ist als die der Ungeimpften. Aber was bedeutet das? Die israelischen Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman haben sich bereits 1974 ein schönes Experiment ausgedacht, um unser intuitives Versagen im Umgang mit Situationen dieser Art zu illustrieren. Sie beschrieben den Teilnehmern ihres Experiments eine fiktive Figur, genannt Steve, der ein schüchterner, zurückgezogener, detailversessener und ordnungsliebender Amerikaner ohne übermäßiges Interesse an der realen Welt sei. Die Befragten sollten daraufhin schätzen, ob Steve wohl eher Landwirt oder Bibliothekar ist. Die meisten tippten auf Letzteres – und vergaßen dabei, zu berücksichtigen, dass es in den USA etwa zwanzigmal so viele Landwirte wie Bibliothekare gibt.

          Wenn man diese „A-priori-Wahrscheinlichkeit“ der sehr unterschiedlichen Berufshäufigkeiten einberechnet, erscheint es entgegen unserer ersten Intuition dann doch wahrscheinlicher, dass Steve seine Tage auf dem Traktor als zwischen Buchregalen verbringt. Ganz ähnlich verhält es sich mit einem hospitalisierten Covid-Kranken. Die je nach Alter mehr als sechseinhalbmal geringere Wahrscheinlichkeit, als Geimpfter im Krankenhaus zu landen, wird zumindest teilweise dadurch kompensiert, dass die Gruppe der geimpften Erwachsenen derzeit knapp viermal so groß ist wie die der Ungeimpften. Die Einbeziehung von A-priori-Wahrscheinlichkeiten in unsere Urteile ist also unerlässlich. Gleichzeitig hätten wir das lieber an harmloseren Beispielen als zunehmend überlasteten Krankenhäusern gelernt.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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