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Abgebrochene Psychotherapien : Wenn die Patienten aussteigen

  • -Aktualisiert am

Therapeutisches Gespräch mit einem Burnout-Patienten in einer Klinik in Brandenburg Bild: dpa

Viele Menschen beginnen eine psychotherapeutische Behandlung, halten sie aber nicht bis zum Ende durch. Die Gründe, die hinter Abbrüchen stehen, werden nun von einigen deutschen Forschungsgruppen beleuchtet.

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          Etwa eine Million gesetzlich versicherte Patienten wird derzeit pro Quartal in Deutschland bei einem Psychotherapeuten behandelt, doch wie viele Behandlungen werden überhaupt zu Ende geführt? Die Datenlage dazu ist dünn. Erste Zahlen lieferten Wissenschaftler aus Freiburg und Jena während des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin. Uwe Altmann vom Uniklinikum Jena hat in einem Forschungsprojekt die Verläufe antragspflichtiger Therapien von mehr als 700 Patienten untersucht. 23,5 Prozent wiesen einen „problematischen Abbruch“ auf, also ein Ende, das nicht durch einen Umzug oder ein anderes äußeres Ereignis zustande kam, sondern durch die Entscheidung von Patient, Therapeut oder beiden, die Behandlung vorzeitig aufzugeben.

          Risikofaktor Rente

          Laurence Reuter vom Uniklinikum Freiburg unterfütterte diese Daten mit einer umfangreichen Literaturrecherche. Im Durchschnitt wurden Psychotherapien ihren Recherchen zufolge in 12,5 Prozent der Fälle vorzeitig beendet. In früheren Metaanalysen zeigte sich eine enorme Schwankungsbreite: Zwanzig bis fast fünfzig Prozent soll die Rate der Abbrüche betragen. Ein geringerer Bildungsstand, ein niedriges Einkommen oder die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit gelten als Risikofaktoren dafür, dass der Patient abbricht. Als „Risikopatienten“ müssen auch Menschen gelten, die eher jünger, nicht erwerbstätig und länger arbeitsunfähig sind und die weniger therapeutische Vorerfahrungen haben. Risikofaktoren sind außerdem ein laufender Rentenantrag oder eine bewilligte Rente.

          Reuter zufolge beenden Patienten mit Ess- und Persönlichkeitsstörungen oder somatoformen Störungen die Therapie eher vorzeitig, Patienten mit affektiven Störungen, zu denen etwa Depressionen gehören, beenden sie eher regulär. Altmann zufolge gibt es erste Hinweise darauf, dass Abbrüche sich vermehrt in Fällen finden, in denen der Therapeut besonders zufrieden mit der therapeutischen Beziehung zu seinem Patienten gewesen ist. „Wenn sich Therapeuten zu stark auf die Denk- und Verhaltensmuster des Patienten einlassen, können sie keine Alternativen anbieten“, vermutet er. Das provoziert Therapieabbrüche. Die Autoren der Studien, die in Berlin vorgestellt wurden, sehen großen Forschungsbedarf.

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