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Versorgungsplan : Strategie gegen Übertherapie

  • -Aktualisiert am

Viele Symptome unheilbarer Krankheiten könnte auch der Hausarzt behandeln Bild: picture-alliance/ dpa

Die Patientenverfügung ist ein Formular, eine Strategie gegen unheilbare Krankheiten ist sie nicht. Eine solche haben amerikanische Ärzte entwickelt. Das Therapieziel besteht allein in der Leidensminderung. Das Sterben wird akzeptiert.

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          Am Donnerstag wird der Bundestag die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen debattieren. Diese Diskussion stößt regelmäßig an ihre Grenze, wo sie allein unter dem Blickwinkel der Durchsetzung von Patientenrechten geführt wird. In einer liberalen Gesellschaft endet hier der Diskurs.

          Wer anders als das Freiheitssubjekt sollte das letzte Wort haben? Die Frage ist rhetorisch. Allein sie hilft wenig beim Umgang mit Sterbenden. Denn sie verkennt die anthropologischen Bedingungen der Selbstbestimmung. Deren ärgster Feind sei die Krankheit, schreibt der amerikanische Arzt und Bioethiker Eric Cassell. Und ein selbstbestimmter und ein guter Tod sind nicht notwendig deckungsgleich.

          Noch immer hat sich nicht herumgesprochen, dass eine Mehrheit der Bürger erhebliche Vorbehalte gegen eine Patientenverfügung hegt. Nach einer Befragung von mehr als eintausend Patienten im Rhein-Main-Gebiet kennen drei Viertel die Patientenverfügung. Doch nur wenige füllen sie aus. Der Einfluss eines Gesetzes auf die Praxis wird marginal bleiben, es sei denn, der Gesetzgeber verordnete eine strikt diktatorische Lesart, was niemand ernsthaft fordert.

          Kein Formular, sondern eine Strategie

          Ist es Aberglaube, wenn so viele Menschen sich dagegen sträuben, Entscheidungen über medizinische Behandlung am Lebensende zu antizipieren? Eher spricht sich darin die Einsicht aus, dass man nicht vorhersehen kann, welche Lebensperspektiven sich auch in einer Krankheit noch eröffnen.

          Es ist daher längst überfällig, sich über Alternativen Gedanken zu machen. Als lebensnah erweist sich das von amerikanischen Ärzten zuerst formulierte Konzept des „Advanced Care Planning“. Den Begriff übersetzt man am besten mit „Umfassender Versorgungsplan“. Es handelt es sich nicht um ein Formular, sondern um eine Strategie.

          Gespräche über das Sterben werden nur selten geführt

          In entwickelten Ländern stirbt die überwältigende Mehrzahl der Menschen im Gefolge chronischer Krankheiten. Das Lebensende kommt nicht unerwartet. Der vorausschauende Versorgungsplan antizipiert Verschlechterungen des Zustands, die unter medizinischen Gesichtspunkten ja nicht ungewöhnlich, sondern absehbar sind. Der Plan kommt zum Einsatz, wenn eine Krankheit als fortgeschritten, unheilbar und zum Tode führend eingeschätzt wird. Das Therapieziel besteht dann allein in der Leidensminderung. Das Sterben wird akzeptiert.

          Vorab werden Behandlungsmaßnahmen und weitere Elemente der Betreuung (Seelsorge, Telefonkette von Angehörigen) für den Fall akuter Komplikationen festgelegt. Ein erster Schritt ist das Gespräch mit Patienten und deren Stellvertretern darüber, dass dieser Zeitpunkt gekommen ist. Das ist der entscheidende Wendepunkt, der Kern des Plans. Hier ist eine Änderung der Kultur der Medizin erforderlich.

          Denn Gespräche über das bevorstehende Lebensende werden nur selten geführt. Sie erfordern Mut. Doch nicht allein seitens der Ärzte, wie etwa der Umstand verdeutlicht, dass gelegentlich dieselben Angehörigen, die nach dem Ableben eines Patienten eine Übertherapie beklagen, den Betroffenen zunächst in der Erwartung in die Klinik gebracht haben, den Tod aufzuhalten. Es ist eben schwer zu akzeptieren, dass die Stunde geschlagen hat.

          Furcht vor einer Überbehandlung

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