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Versorgungsplan : Strategie gegen Übertherapie

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Manche vermuten, ein Gespräch, in dem ein Arzt den nahen Tod eines Patienten zum Thema macht, sei für die Betroffenen zu belastend. Die Erfahrung belegt eher das Gegenteil. Patienten und Angehörige empfinden solche Gespräche vielmehr als eine vertrauensbildende Maßnahme. Sie verlassen nicht etwa entsetzt die Klinik, sondern suchen sie zur Linderung von Beschwerden wieder auf, weil sie sich angenommen wissen.

Ein unerlässlicher Bestandteil des Advanced Care Planning ist die Vereinbarung zwischen allen Beteiligten, bei Auftreten von lebensbedrohlichen Komplikationen kein Notfallteam zu rufen, das in Unkenntnis der fortgeschrittenen Erkrankung und der Behandlungswünsche eine Übertherapie, etwa eine Intensivbehandlung, einleiten würde. Das ist zentral, denn Grund der Debatte ist die verständliche Furcht vor einer unangemessenen Überbehandlung.

In einem Versorgungsplan wird gleichzeitig dafür Sorge getragen, dass die Medikamente zur Hand sind, die für die Behandlung von Symptomen gebraucht werden. Das sind seltener als vermutet Schmerzen. Weit häufiger sind Atemnot, Angst und Panikattacken. Die Symptome sind fast immer vorhersehbar. Es muss verabredet werden, wer Medikamente verabreichen kann. Hausärzte, Pflegende in Heimen, Angehörige zu Hause oder auch die Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste sind zu instruieren.

Versorgungsplan als eine geeignete Alternative

Der Versorgungsplan hat den großen Vorteil, dass die Betroffenen zu einem Zeitpunkt über ihre Behandlungswünsche entscheiden, zu dem sie Erfahrungen mit der Krankheit haben. Ihre Entscheidungen sind lebensnah, weil der Wechsel der Perspektive, der stets mit der Eröffnung einer Diagnose einhergeht, bereits stattgefunden hat. Eine Patientenverfügung kann zwar hilfreich sein, ihr kommt aber meist nur die Bedeutung eines Instruments bei der Gesprächsführung zu.

Für die große Mehrzahl aller Patienten stellte der Umfassende Versorgungsplan eine geeignete Alternative dar. Bleiben die Fälle übrig, bei denen ein Gespräch nicht mehr möglich ist, die fortgeschrittene Demenz etwa und das Wachkoma. Hier geht es fast ausschließlich um die Frage einer Ernährungstherapie. Bei fortgeschrittener Demenz ist die Antwort - für viele vielleicht überraschend - nicht so schwer.

Die Betroffenen profitieren von der Ernährung über eine Bauchsonde nicht, sie leben nicht länger und haben nicht weniger Beschwerden. Darüber sind sich Experten einig. Beim Wachkoma verhält es sich anders. Die Ernährungstherapie ist zweifelsohne effektiv, die Patienten können Jahre leben. Sie sind keine Sterbenden. Entgegen einer verbreiteten Ansicht lehnen viele Befragte eine Ernährungsbehandlung nicht grundsätzlich ab.

Freie Gesellschaften achten die Selbstbestimmung

Eine freie Gesellschaft sollte sich hüten, Urteile über die Lebensqualität anderer zu fällen. Daher steht Patienten im Wachkoma die - übrigens gar nicht so teure - Ernährungstherapie zu. Eine freie Gesellschaft respektiert den Vorrang der Selbstbestimmung.

Daher ist der Wille von Betroffenen, die eine künstliche Ernährung ablehnen, zu achten. Wer sie nicht möchte, der sollte es einem Stellvertreter mitteilen und eine Vorsorgevollmacht erteilen. Dazu bedarf es nicht einmal eines Notars, und ein Gesetz ist auch nicht nötig.

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