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Verschreibung von Opiaten : Vom Arzt zum Dealer

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Das Abhängigkeitspotential bei Schmerzpatienten wird offenbar unterschätzt. Nicht jeder braucht Opiate – aber sie werden immer sorgloser verabreicht.

          In dem Jahrzehnt von 1997 bis 2007 stieg die Verordnung von Opiaten in den Vereinigten Staaten um 75,8 Millionen Gramm, das war ein Anstieg um 149 Prozent. Amerika stellt weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung, dort werden indes achtzig Prozent aller Opiate weltweit verbraucht und 99 Prozent des globalen Hydrocodons umgesetzt. Im Jahr 2010 wurden in den Vereinigten Staaten genug Opioide von der pharmazeutischen Industrie vertrieben, um jeden Amerikaner mit einer Dosis von fünf Gramm Hydrocodon alle vier Stunden über einen ganzen Monat lang zu versorgen. Mit dieser Auflistung wollen die Anästhesisten und Schmerztherapeuten Mona Kotecha und Brian Sites von der Darthmouth-Hitchcock-Klinik in Lebanon in New Hampshire nicht allein auf den Boom an Opiatverschreibungen in ihrem Land aufmerksam machen. Sie formulieren dies in ihrem aktuellen Appell in der Zeitschrift „Anaesthesia“ dezidiert als Warnung an ihre europäischen Kollegen (Bd.68, S.1207).

          Dass Europa von der Welle der durch Schmerztherapien abhängig werdenden Patienten wohl nicht verschont bleibt, zeigen mehrere einschlägige Erhebungen. Alicia Casati vom Institut für Therapieforschung in München hat bereits in einer Arbeit aus dem Jahr 2012 auf den erheblichen Anstieg von Schmerzmittelverschreibungen in Europa aufmerksam gemacht. Sie schreibt darin, dass in Deutschland rund 1,3 bis 1,4 Millionen Menschen von Schmerzmitteln abhängig sind („European Addiction Research“, Bd.18 \[5\], S.228). Die Arbeitsgruppe um Ingrid Schubert von der PMV Forschungsgruppe wies ebenfalls unlängst im „Deutschen Ärzteblatt“ auf die seit Mitte der neunziger Jahre steigenden Opioidverordnungen hin und belegt dies anhand der Auswertung von Krankenkassendaten (Bd.110 \[4\], S.45). Zu den hier gemeinten Substanzen zählen alle Opiate und verwandten Substanzen wie Opioide oder Opiatabkömmlinge, etwa Fentanyl, Tilidin, Tramadol oder Oxycodon, nicht jedoch Substanzen, die als Drogenersatzmittel zur Substitution verwendet werden wie Methadon, Levomethadon und Codein.

          Anstieg auch in Deutschland

          „Auch in Deutschland müssen wir von einem solchen Anstieg der Opioidverschreibungen ausgehen“, bestätigt Marcus Schiltenwolf, der an der orthopädischen Universitätsklinik in Heidelberg die Abteilung für konservative Orthopädie und die Ambulanz und Tagesklinik für Schmerztherapie leitet. Ein von vielen Seiten gerügter Missstand ist die Tatsache, dass Opioide ohne Rücksicht auf die psychische Verfassung des Patienten verschrieben werden. Dabei schreibt die S3-Leitlinie zur Langzeitbehandlung von Opioiden ausdrücklich vor, dass Patienten, die zu Angst, zu Depressionen oder dazu neigen, ihre psychischen Schwierigkeiten als körperliche Beschwerden zu missdeuten (Somatisierung), keine Opioide erhalten sollten. „Denkbar ist, dass gerade diese Patienten bei den verschreibenden Ärzten besonders viel Empathie hervorrufen“, gibt Schiltenwolf als möglichen Grund dafür an, warum es mitunter schwer ist, solchen Kranken die Mittel zu versagen. Oder es komme zur sogenannten „bestrafenden“ Gegenübertragung: Die fordernde Haltung der Patienten verleite dazu, dass eher Opioide verabreicht würden, als dass ein Gespräch geführt und nach den Hintergründen der Beschwerden gefragt werde. Die Entwicklung in Sachen Opioidverschreibung sei „in jedem Fall bedenklich“, urteilt der Schmerzexperte. Kritisch zu bewerten sei nicht zuletzt die Tatsache, dass Ärzte auch bei solchen Patienten, die nicht an Tumorschmerzen litten, der Wirkung von Schmerzmitteln zu sehr vertrauten, was unangemessene und unangemessen lange Verschreibungen von mehr als drei Monaten nach sich zöge.

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