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Versorgung in Deutschland : Verschärfte Lieferengpässe bei Medikamenten

Noch eine Kurve die abzuflachen wäre: Die freigelassenen balkenförmigen Felder zeigen die Zunahme der Fälle gemeldeter Medikamenten-Lieferengpässe von knapp 50 im Jahr 2013 (ganz links) bis über 300 im Jahr 2019 (ganz rechts). Bild: Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte

Schon vor Corona gab es ständig Lieferengpässe bei Arzneimitteln. Die Gründe liegen im Ausland. Doch der Aufbau einer heimischen Produktion dürfte schwierig werden.

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          Auf dem Computer von Apotheker Friedemann Schmidt in Leipzig wird die sogenannte Defektliste jeden Tag länger. Hier stehen am Ende seines Arbeitstages alle Medikamente, die sich heute für seine Patienten nicht beschaffen ließen. Gewöhnlich seien es rund hundert Mittel. „Seit Beginn der Corona-Krise hat sich die Zahl verdoppelt.“ Schmidt ist Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda) und Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind seit langem ein Problem. Im vergangenen Jahr fehlten 18 Millionen Packungen – so oft konnte ein Patient nicht das Präparat erhalten, das der Arzt verschrieben hatte. 2017 waren es noch 4,7 Millionen.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch Kliniken sind betroffen. So verkündete Stefan Kluge, Direktor der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg, vergangene Woche im ARD-Magazin „Plusminus“: „Es gibt schon Krankenhäuser in Deutschland, die kein Propofol mehr haben.“ Dieses Mittel wird gebraucht, um Patienten in Narkose zu versetzen und um jemanden beatmen zu können, der etwa mit Covid-19 infiziert ist, und lässt sich nicht so einfach ersetzen. Die weiße Flüssigkeit fehlt, wenn sich viele Kliniken gleichzeitig einen Vorrat für die Pandemie anlegen wollen. Doch hinter den Engpässen stecken oft auch Probleme an den Produktionsstätten im Ausland oder lange und unübersichtliche Lieferketten.

          Die Pharmafirmen fahren nur noch auf Sicht

          Die Corona-Krise führt vor, wie fragil dieses System ist. In China standen die Fabriken über Wochen still. Indien verhängte Exportstopps, etwa für Antibiotika, um die eigene Versorgung zu sichern. Noch habe das wenig Auswirkungen auf die Versorgung in Deutschland, sagt ein Sprecher des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie. Die Pharmafirmen würden jedoch auf Sicht fahren. „Sollen wir in diesem Umfang wirtschaftlich und in unseren Lieferketten von einem einzigen Land auf der Welt abhängig sein?“, fragt Gesundheitsminister Jens Spahn vergangenen Monat im Bundestag. „Ich denke, nein.“ Damit schließt er sich den Forderungen von Pharmaexperten an: die Produktion wichtiger Arzneimittel wieder nach Deutschland zu holen. Doch das ist eine extreme Herausforderung und kommt womöglich zu spät.

          Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führt eine Liste aller versorgungsrelevanten Medikamente, für die Lieferengpässe gemeldet wurden. Ein solcher liegt vor, wenn ein Präparat mehr als zwei Wochen nicht in üblicher Weise verfügbar ist. Aktuell hat die Liste rund 400 Einträge, darunter Propofol, vor fünf Jahren waren es nur vierzig. Besonders häufig knapp sind Klassiker wie Ibuprofen und andere Schmerzmittel, Antidepressiva wie Venlafaxin oder Blutdrucksenker aus der Gruppe der Sartane.

          Lieferengpass bedeute nicht, dass eine Arznei gar nicht mehr verfügbar ist, betont das BfArM. Häufig fehlt sie nur in bestimmter Dosierung eines bestimmten Herstellers. Mit etwas Aufwand findet Apotheker Schmidt eine Lösung für seine Kunden: „Wir ändern die Dosierung in Rücksprache mit dem Arzt oder wechseln auf das Präparat eines anderen Herstellers.“ Geht ein Wirkstoff allen Produzenten aus und steht keine Alternative parat, erklärt die Regierung den Versorgungsmangel. So etwa im Dezember 2016, als das Antibiotikum Piperacillin nirgendwo mehr zu kriegen war, weil in der chinesischen Stadt Jinan die Abwasseranlage einer Fabrik des Herstellers Qilu in die Luft flog. Der Mangel zog sich bis in den Spätsommer des Folgejahres.

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