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Zweifelhaftes Verhütungsmittel : Was tut die „Pille danach“?

  • -Aktualisiert am

Verhütung oder Abtreibung? - die Pille danach Bild: dpa

Um die Wirkungsweise des Notfallverhütungsmittels Ulipristal ist eine öffentliche Diskussion geraten entbrannt. Der Wirkstoff steht im Verdacht, einen Abtreibungsmodus auszulösen.

          Die Ankündigung der europäischen Zulassungsbehörde EMA, für die neue „Pille danach“, Ulipristal, zu prüfen, ob sie in Europa ohne Rezept erhältlich sein soll, hat für eine kurze Strohfeuerdebatte gesorgt. Hierzulande ist eine solche Pille als Notfallverhütungsmittel nur über Rezept erhältlich. Falls die EMA entscheidet, Ulipristal in Europa von der Rezeptpflicht zu befreien, müsste es auch in Deutschland in jeder Apotheke erhältlich sein.

          Allerdings gibt es Befunde, die zusätzliche Brisanz in die Debatte bringen. Die Gruppe um Bruno Mozzanega von der Universität in Padua meldet erhebliche Zweifel an, dass Ulipristal tatsächlich ein Mittel zur Notfallverhütung ist. Sie behauptet vielmehr, dass es eher in die Kategorie „Abtreibungspille gehört („Reproductive Sciences“). Der Unterschied ist keineswegs trivial. In dem einen Fall verhindert das Mittel, dass ein Embryo entsteht, im anderen Fall, dass der bereits vorhandene Embryo weiterleben kann.

          Von der Notfallverhütung zur Abtreibung

          Eine „Pille danach“ wirkt so, dass sie den Eisprung verhindert oder hinauszögert. Das monatlich in den Eierstöcken heranreifende Ei soll nicht weiter reifen, und der Follikel, der das Ei enthält, soll nicht platzen. Sonst könnte das reife, gesprungene Ei in die Eileiter gelangen und dort von einer Samenzelle befruchtet werden. Die „Pille danach“ kann nie sicher sein. Denn hatte eine Frau zum Zeitpunkt des Verkehrs gerade einen Eisprung, nützt die Notfallverhütung nichts. Kurz vor dem Eisprung mitunter auch nicht, denn es ist bekannt, dass zum Beispiel der Orgasmus der Frau einen Eisprung vor der Zeit auslösen kann. Die Angaben zur Sicherheit der Notfallverhütung sind deshalb vage: Es heißt, dass Ulipristal etwa 80 Prozent jener Schwangerschaften, zu denen es nach ungeschütztem Verkehr hätte kommen können, verhindert.

          Allerdings wirkt Ulipristal über einen weiteren Mechanismus wie eine Abtreibungspille. Das zeigt der Vergleich mit der bekannten „Pille danach“, dem Gestagen-Hormon Levonorgestrel. Levonorgestrel muss spätestens 72 Stunden nach dem Verkehr eingenommen werden. Dies funktioniert umso schlechter, je näher die Frau am Eisprung ist, weil dann der Eisprung umso weniger zuverlässig verhindert werden kann. Bei Ulipristal verhält es sich anders. Ulipristal ist noch effektiv, wenn es bis zu 120 Stunden nach dem Verkehr eingenommen wird. Es handelt sich um einen selektiven Modulator des Progesteron-Rezeptors (SPRM), der aber auch an Kortisonrezeptoren und an Bindungsstellen von androgenen Hormonen seine Wirkung entfaltet.

          Dass es besser „notfallverhütet“, wird darauf zurückgeführt, dass Ulipristal auch noch kurz vor dem Eisprung diesen verhindern können soll. Die Wissenschaftler aus Padua bestreiten jedoch, dass sich aus den vorhandenen Studien derartige Schlüsse ziehen lassen. Wie kommt dann aber die hohe Rate zustande, mit der Schwangerschaften verhindert werden können?

          Die positive Wirkung von Ulipristal

          Ulipristal verändert die Gebärmutterschleimhaut so, dass der Embryo sich nicht mehr einnisten kann. Die Autoren führen an, dass Ulipristal bei etwa der Hälfte der Frauen in der Zyklusphase, in der sich die Gebärmutterschleimhaut auf den Embryo vorbereitet, zu einer Blutung führt - mit der Menstruation würde so auch ein lebensfähiger Embryo abgehen. Das ist der gleiche Effekt wie bei der ausdrücklich als Abtreibungspille deklarierten Substanz Mifepriston. „Wir sollten äußerst sorgfältig vorgehen, wenn wir es mit Substanzen zu tun haben, die die Implantation des Embryos verhindern“, schreibt Mozzanega. Gestützt wird die Kritik durch jüngste Veröffentlichungen, die Ulipristal zur Behandlung von Myomen, gutartigen Gebärmutterwucherungen, untersuchen.

          Hier wird die massive Wirkung von Ulipristal hervorgehoben, die größten Wucherungen schrumpfen unter der Therapie um 45 bis 55 Prozent. Die Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut normalisieren sich etwa nach sechs Monaten wieder, wenn Ulipristal abgesetzt wird. Für die Therapie von Myomen wird eine Wirkweise angepriesen, die man bisher unter den Tisch kehrte, wenn es darum ging, die Substanz als „Pille danach“ zu vermarkten. Anders als die EMA hat die amerikanische FDA bereits auf die Fähigkeit von Ulipristal, den Embryo an der Einnistung zu hindern, hingewiesen.

          Ob und wie sehr die EMA diese neuesten Befunde bei der Prüfung der Rezeptpflicht berücksichtigen wird, ist offen, denn die nächste Beratung des damit befassten Komitees ist im Mai.

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