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Vergiftete Schwangerschaft : Tabak, Qualm und ein verwundbares Wesen

Smoking Gun Bild: dpa

Wenn Schwangere rauchen oder ständig Schadstoffen ausgesetzt sind, wird die Genregulation der Babys gestört. Hunderte Erbanlagen sind identifiziert, Krankheiten sind programmiert.

          Ein genetisches Schlachtfeld, vielleicht trifft dieser Begriff am besten, was einige Forscherteams rund um den Globus jetzt im Zuge ihrer Analysen von rauchenden Müttern und ihren Babys beschrieben haben. Einschlagkrater im Erbgut. Hunderte, ja Tausende. Genetische Narben fürs Leben.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für die wenigsten Schwangeren ist es etwas Neues, wenn man ihnen erzählt, dass der Zigarettenqualm ihrem Baby im Bauch schadet. Jedenfalls langfristig. Trotzdem raucht jede fünfte Schwangere weiter bis zur Geburt ihres Kindes. Sei es, weil sie meint, dass der Entzug dem Kind mehr schadet als der Tabakrauch selbst, sei es, dass sie mit einer nihilistischen bis fatalistischen Lebensphilosophie aufgewachsen ist - nach dem Motto: Was nicht tötet, härtet ab.

          Viele Frauen rauchen trotz Schwangerschaft.

          Was auch immer ihr Motiv ist, weiter zu rauchen, für den wachsenden Fötus im Leib bedeutet die Konfrontation mit den Giften, die übers Blut in ihren kleinen Körper gelangen, eine toxikologische Tortur, die für die Mütter freilich kaum zu spüren ist. Die Gifte erreichen die Föten in ihren sensibelsten Phasen: Dann nämlich, wenn ein Großteil der Gene, die die Entwicklung der Organe steuern, extrem aktiv ist, wenn Gewebe und  Organe rasch wachsen, und die Zellen sich immer schneller vermehren und sukzessive ihre ihnen vorbestimmte Rolle im jungen Körper übernehmen. Fehler können fatale Folgen haben.

          Die Embryonalentwicklung ist deshalb auch die Zeit, in der das Erbgut des Menschen mithin am empfindlichsten reagiert und maximalen Schutz bedarf. Schon lange weiß man etwa, dass rauchende Mütter sehr viel häufiger Kinder mit Lippen-Gaumen-Kieferspalte zur Welt bringen als üblich. Auch Babys hungernder Mütter sind bekanntermaßen stärker gefährdet, später an Herzkrankheiten, Diabetes oder kognitiven Defiziten zu leiden.

          Das alles allerdings sind bislang Daten, die noch an der Oberfläche kratzen. Auch die der Wissenschaftler vom Children's Hospital in Los Angeles, die jetzt im Mediziner-Fachblatt „JAMA Psychiatry“ über Hirnschäden von ein paar Dutzend Schulkindern berichten, deren Mütter während der Schwangerschaft hohen Konzentrationen von polyzyklischen Kohlenwasserstoffen - Schadstoffe aus Zigarettenqualm, Kochöfen und veralteten Raumheizungen - ausgesetzt waren. Die verhaltensauffälligen Kinder litten am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, waren aggressiver und  schnitten in Intelligenztests deutlich schlechter ab als unbelastete Kinder. Ein Beweis ist das allerdings noch nicht.

          Smoking Lady

          Genetische und epigenetische Studien sollen den Blick tiefer ins Geschehen bringen. Im American „Journal of Human Genetics“ berichtete vor wenigen Tagen ein internationales Konsortium, das „Pregnancy and Childhood Epigenetics Consortium“ (PACE), über eine Analyse, die es in diesem Umfang so noch nie gegeben hat: 6685 Neugeborene und ihre Mütter aus praktisch allen Erdteilen wurden analysiert. 62 Prozent der Mütter waren Nichtraucher, der Rest rauchte, 13 Prozent gaben an, täglich auch während der Schwangerschaft geraucht zu haben. In den Zellen im Nabelschnurblut wurde nach sogenannten epigenetischen Veränderungen gefahndet - chemische Modifikationen von einzelnen Buchstaben im genetischen Bauplan, die in vielen Fällen dazu führen, dass die betreffenden Gene deutlich aktiver oder eben deaktiviert sind. Die epigenetischen Markierungen sind gewissermaßen die An- und Ausschalter bzw. Dimmer der Gene und damit für die Umsetzung des Bauplans im Erbgut elementar. Ein Gen, das zwar korrekt vorhanden, aber epigenetisch abgeschaltet ist, kommt einem defekten Gen gleich. Und Ausfälle von Genen, die für die Entwicklung des Fötus und die Funktion der Organe lebenswichtig sind, können langfristige Folgen haben, sprich Krankheiten.

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