https://www.faz.net/-gwz-8y9h0

Vergessene Krankheiten : Wo sind diese Leiden geblieben?

  • -Aktualisiert am

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war die Krankheit auf einmal weg: „Die Ärzte wunderten sich regelrecht, wo plötzlich die ganzen Chlorose-Patientinnen blieben“, erzählt Seemann. Wahrscheinlich habe dabei eine Rolle gespielt, dass damals immer mehr Praxen in der Lage waren, das Blut ihrer Patientinnen genauer zu untersuchen und den Mangel an roten Blutkörperchen festzustellen, der sich hinter der bleichen Hautfarbe tatsächlich verbirgt. Zudem hatte sich das gesellschaftliche Frauenideal geändert, blass und schwächlich zu sein war nicht mehr chic. Damit verlor die Krankheit an Attraktivität bei den Patientinnen und ihren Angehörigen. Die Chlorose war schlicht aus der Mode gekommen.

„Was als Krankheit definiert wird, hat auch immer etwas damit zu tun, was von der Gesellschaft in einer Epoche als erklärungsbedürftig und behandelnswert angesehen wird“, sagt Volker Roelcke, Leiter des Instituts für Medizingeschichte der Universität Gießen. Dass beispielsweise Hildegard von Bingen Stimmen hörte, galt ihren mittelalterlichen Zeitgenossen bloß als Zeichen für ihren Kontakt mit höheren Mächten. Heutzutage, so Roelcke, würde sie damit womöglich als Schizophrene diagnostiziert.

Psychische Leiden sind bis heute schwer abgrenzbar

Gerade der Krankheitskatalog der Psychiatrie, mit der sich der Gießener Medizinhistoriker vor allem beschäftigt, war schon immer besonders flexibel und wandelbar. „Bis heute sucht man hier vergeblich nach eindeutigen Zeichen, Laborwerten und anderen Parametern, die helfen, die Leiden objektiv gegeneinander abzugrenzen“, so Roelcke. In ihrer Verzweiflung über ihre schwammigen Diagnosen hofften die Nervenärzte Mitte des 19. Jahrhunderts sogar, psychische Leiden mit Hilfe des Gesichtsausdrucks zu definieren. Der Freiburger Medizinprofessor Karl Heinrich Baumgärtner ließ sich unter anderem für diesen Zweck vom Maler Carl Sandhaas 1839 einen Atlas der „Kranken-Physiognomik“ zeichnen: Er sollte Kollegen und Studenten ermöglichen, ihren Patienten zeitgenössische Geisteskrankheiten wie Blödsinn, Schwermut, Wahn, Wut und Verwirrtheit schon am Gesicht abzulesen. Weil Baumgärtner das Gesicht nicht nur als Spiegel der Seele, sondern als Spiegel des ganzen Körpers verstand, nahm er auch die Physiognomien von körperlichen Gebrechen in seinem Werk auf. In Lübeck und Paris versuchten Wissenschaftler mit Hilfe ähnlicher Atlanten ebenfalls Ordnung in das psychiatrische Diagnosechaos zu bringen.

Wirklich weitergeführt haben die Versuche nicht. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts verstand man in Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten unter psychiatrischen Krankheitsbegriffen wie Hysterie, Neurasthenie und Manie jeweils etwas ganz anderes. 1980 versuchten die Amerikaner mit einem Handbuch, dem dritten Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM-3, des terminologischen Wirrwarrs Herr zu werden. Seither definieren strenge Listen von Haupt- und Nebensymptomen, die der Arzt nur noch abhaken muss, was zum Beispiel eine Schizophrenie von einer schizoaffektiven Störung unterscheidet.

Aber auch dieser Einschnitt erforderte Opfer: Die Hysterie, einst Freuds Lieblingsdiagnose, wurde durch das DSM-3 als psychiatrische Diagnose abgeschafft. Auch die Neurasthenie, siebzig Jahre zuvor noch die meistgestellte Diagnose in Deutschland, musste in Amerika dran glauben. In Deutschland löste sie sich ebenfalls zunehmend auf: Ermüdung, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, verminderte Leistungsfähigkeit und ähnliche Symptome unter diesem einen Begriff zusammenzufassen, halten heute die meisten für eine zu grobe Einteilung. Die ursprüngliche Erklärung für das Krankheitsbild, Überlastung und Reizüberflutung durch die Beschleunigung des Lebens und die elektrische Revolution, hat ebenfalls ausgedient. Inzwischen packt man dieselben Patienten deshalb in Kategorien wie Burnout, Depression und somatoforme Störungen.

Genanalysen und Kernspintomographen sollen in Zukunft für noch zuverlässigere Abgrenzungen sorgen. Dass das nicht jede Krankheit überstehen wird, ist schon abzusehen. Die neuen Methoden decken ungeahnte Verwandtschaften und Überlappungen zwischen den Leiden auf. Würde man eine Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Krankheiten schreiben, so fänden sich auf ihr heute wahrscheinlich vor allem psychiatrische Leiden.

Literatur:

Manfred Hildenbrand, Martin Ruch:  „Carl Sandhaas. Maler der Romantik 1801-1859“, Haslach 2001.

Nicholas Eschenbruch: „Das Gesicht der Krankheit. Die krankenphysiognomische Zusammenarbeit des Malers Carl Sandhaas und des Arztes Karl Heinrich Baumgärtner“. In: Praxis 2007, S. 1053-1058.

Weitere Themen

Wie mRNA-Impfstoffe funktionieren Video-Seite öffnen

Erklärvideo : Wie mRNA-Impfstoffe funktionieren

Der Impfstoff der Mainzer Firma Biontech und des amerikanischen Konzerns Pfizer basiert auf mRNA. Das hat viele Vorteile. Allerdings: Bisher wurde noch nie ein mRNA-Impfstoff für Menschen zugelassen.

Topmeldungen

Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, auf der IAA 2019

Diess gegen Osterloh : Showdown im Volkswagen-Reich

Erst im Sommer ist VW-Chef Herbert Diess nur knapp seinem Rauswurf entgangen. Jetzt ist der Machtkampf in dem Unternehmen neu ausgebrochen – und die Spitze des Aufsichtsrats tagt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.