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Vergessene Krankheiten : Wo sind diese Leiden geblieben?

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Keiner weiß, was Rheuma ist. Der Begriff ist trotzdem sinnvoll

Letztlich kommen die meisten Krankheiten auf die gleiche Weise in die Welt: Den Ärzten fallen Symptome auf, die zu bestimmten Zeiten und unter bestimmten Umständen immer wieder zu beobachten sind. Sie geben dem Syndrom einen Namen, und irgendwann, wenn immer mehr Kollegen die Beobachtung teilen, zieht das neue Leiden in die Lehrbücher ein. Oft hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits eine Ursache für Fieber, Schwellung, Schmerz oder Schnupfen gefunden. Findet sich keine, kann das eine Krankheit schnell wieder die Existenz kosten, wie das Beispiel Frieselfieber zeigt. Die Diagnose verschwand, als sich nach Entdeckung der Bakterien einfach kein gemeinsamer mikrobieller Erreger für die Infektionskrankheit ausmachen ließ.

Auch die Darm- und Lungenschwindsucht fielen dem Erkenntnisfortschritt zum Opfer: Die üblen Geschwüre in Brust oder Bauch erwiesen sich damals als das Werk des gleichen Keims. Und so gingen beide Krankheiten in einer einzigen neuen auf, der Tuberkulose. Bleibt die Ursache im Dunklen, kann sich die Medizin allerdings damit oft ebenfalls gut arrangieren. Obwohl man beim Rheuma beispielsweise immer noch nicht genau weiß, was eigentlich genau dahintersteckt, hat sich diese Krankheitsdefinition bisher als sinnvoll und therapeutisch wertvoll erwiesen.

Anders sieht es jedoch aus, wenn sich für ein Leiden plötzlich mehrere Ursachen auf einmal finden und diese nicht unter einen Hut zu bringen sind. Dieses Schicksal wurde den noch im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Krankheiten Bauchwassersucht – die Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum – oder Blausucht – die Blauverfärbung von Gesicht und Lippen – zum Verhängnis. Irgendwann stellten die Ärzte fest, dass sie ein Symptom fälschlicherweise für eine eigene Krankheit gehalten hatten. Hinter einer Bauchwassersucht, einem Aszites, können zum Beispiel so verschiedene Dinge wie eine Entzündung, ein Tumor oder, wie beim Hungerbauch, ein schwerer Eiweißmangel stecken. Auch die Blausucht oder Zyanose entpuppte sich als Zeichen eines Sauerstoffmangels ganz unterschiedlicher Genese. Ganz ähnlich könnte es bald der Epilepsie ergehen: Die einstige Fallsucht erweist sich mehr und mehr als eine Art generelles Notsignal, mit dem das Gehirn einen Tumor, eine Erbkrankheit oder vielleicht sogar eine Depression signalisiert.

Wenn eine Krankheit en vogue ist, wird sie häufiger diagnostiziert

Andere Krankheiten sind hartnäckiger, weil sie ihre ganz eigene Dynamik entwickeln, wie das Beispiel der Bleichsucht zeigt. Bei jungen Mädchen wurde sie als Chlorose bezeichnet. Erwähnt wird diese „Jungfrauenkrankheit“ erstmals im 16. Jahrhundert. Damals hatte sich ein Vater wegen seiner bleichen und schwächlichen Tochter an den Arzt Johannes Lange gewandt. Der empfahl eine baldige Hochzeit, um das stockende Menstruationsblut wieder besser fließen zu lassen – eine Einschätzung, die in der Folgezeit auch viele andere junge Damen von ihren Ärzten zu hören bekamen. Im 19. Jahrhundert schossen dann die Zahlen der Betroffenen in die Höhe, denn nun wurden auch Mädchen mit Appetit- und Essstörungen als Chlorose-Patientinnen behandelt. „Die Krankheit bekam nun auch eine sehr starke psychologische Komponente, die zunehmend ihr Eigenleben entwickelte“, sagt Sophie Seemann, eine Berliner Kinderärztin, deren Buch über diese und andere „Verschwundene Krankheiten“ im Herbst erscheinen soll. Damit wurde die Chlorose schnell zu einer Art Allerwelts-Diagnose für junge Frauen, die den Vorteil hatte, auch gesellschaftlich vorzeigbar zu sein.

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