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Vergessene Krankheiten : Wo sind diese Leiden geblieben?

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Selbst mit einem anscheinend eindeutig definierten Begriff wie der Pest müsse man beim Blick in die Geschichtsbücher vorsichtig umgehen, sagt der Wissenschaftler. So beschrieb der griechische Geschichtsschreiber Thukydides die attische Pest, die 430 vor Christus das belagerte Athen heimsuchte, zwar in allen Einzelheiten, „aber diese decken sich keineswegs mit der durch den Pesterreger Yersinia pestis ausgelösten Krankheit, wie wir sie heute kennen.“ Der Begriff Pest stand in der Antike offenbar nicht nur für den schwarzen Tod, sondern für Seuchen im Allgemeinen. Vieles deutet eher darauf hin, dass es die Pocken waren, die damals in Griechenland wüteten. „Gerade was die alten Infektionskrankheiten angeht, schwimmen wir in einem Meer der Ungewissheit“, erklärt der Historiker und Arzt.

Dem Englischen Schweiß auf der Spur

Nimmt man zum Beispiel die Beschreibung eines anderen mysteriösen Leidens wörtlich, des Englischen Schweißes, gibt es für dessen Abhandenkommen eigentlich nur eine Erklärung: Der Erreger, der Ende des 15. Jahrhunderts wohl von den französischen und flämischen Söldnern Heinrichs VII. nach Britannien eingeschleppt wurde, ist später wieder vom Erdboden verschwunden. Moderne Mikrobiologen bekamen ihn nie zu Gesicht, und das beschriebene Krankheitsbild kennen wir heute nicht. Insgesamt viermal fiel der Sudor anglicus zwischen 1485 und 1551 über die Insel her. Stets war es Sommer, stets war die Krankheit extrem ansteckend, und stets löste er heftiges Fieber, Bauch- und Kopfschmerzen sowie übel riechende Schweißausbrüche aus, welche die Betroffenen meist nur wenige Stunden überlebt haben sollen.

Vielleicht hat sich der Erreger auch geändert und verbirgt sich unter einem neuen Namen. Pathomorphose nennen die Wissenschaftler so einen Verwandlungsprozess, bei dem ein tödlicher Keim zu einem weniger aggressiven Erreger mutiert. Dies widerfuhr beispielsweise dem Erreger der Syphilis, Treponema pallidum. Als dieses Bakterium Ende des 15. Jahrhunderts auf dem europäischen Kontinent auftauchte – ob die Seefahrer sie tatsächlich erst aus der Neuen Welt mitgebracht hatten, ist nach wie vor ungewiss –, fielen ihr ganze Heere zum Opfer. Wahrscheinlich übertrug sie sich damals schnell durch einen direkten Hautkontakt. Inzwischen hat sich die „französische Krankheit“ in Europa eingenistet und ist dank Antibiotika behandelbar und seltener geworden.

Es gibt aber laut Karl-Heinz Leven noch eine dritte Deutungsmöglichkeit für den Englischen Schweiß: So könnte es sich um eine klassische Grippe-Epidemie gehandelt haben, womöglich ausgelöst durch einen aggressiveren Virustyp. In diesem Fall hätte die Epidemie wohl nicht nur auf der Insel gewütet, tatsächlich wird von ähnlichen Fällen auch in anderen Ländern berichtet. Im vergleichsweise abgeschiedenen England gab man dem Leiden jedoch einen eigenen Namen. Mit den Jahren geriet der Sudor anglicus in Vergessenheit, und die Krankheit wurde nach 1551 nie wieder gesehen. Das hinderte kommende Generationen nicht daran, weiter über die Ursachen der mysteriösen Seuche zu spekulieren: Kometen, der englische Nebel, Lebensmittelvergiftungen und giftige Auswaschungen aus dem Boden gehörten alle schon zu den Verdächtigen. Eine belgische Forschergruppe ist beispielsweise überzeugt, dass dafür ungewöhnlich aggressive, von Nagetieren übertragene Hantaviren verantwortlich waren, die heute nicht mehr auftreten.

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