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Verfluchte Krebs-Lotterie : Das Schicksal ist doch zu bezwingen

Krebsvorsorge mit bildgebenden Verfahren - eine moderne, aber teure Früherkennungsstrategie. Bild: dapd

Die meisten Menschen, die an Krebs erkranken, hatten einfach bloß Pech – ließ ein berühmter Experte wissen. Das war töricht, ja gefährlich. Jetzt kann man die Unglücksthese wieder ad acta legen.

          4 Min.

          Ziemlich genau ein Jahr lang dauerte es, von Anfang Januar bis zur vergangenen Woche, um eine Botschaft zu korrigieren, die sich wie eine hässliche Geschwulst in den Leib der Krebsmedizin gefressen hatte. Nötig war dafür eine aggressive Kombinationstherapie. „Pech gehabt“, mit diesen schlichten Worten hatte die amerikanische Zeitschrift „Science“ in einer ihrer ersten Ausgaben des Jahres die Analyse des amerikanischen Nobelpreiskandidaten Bert Vogelstein unter die Leute gebracht. Mit Schlagzeilen wie „Der Zufall macht den Krebs“ oder „Krebs ist Pechsache“ wurde der Überraschungsbefund unzählige Male ein-zu-eins gespiegelt. Das eigentliche Problem aber, das Vogelstein und der Biostatistiker Christian Tomasetti mit ihrer aufsehenerregenden Arbeit heraufbeschworen, trat dahinter zurück. Die französische Zeitung „Le Monde“ hatte es dann in all seiner Drastik ausformuliert: „Nein, der Krebs ist nicht die Frucht des Zufalls!“, titelte das Blatt. Und weiter: Wir können etwas dagegen tun.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Tatsächlich war die ungewöhnliche statistische Ursachenfahndung Vogelsteins dazu geeignet, die Krebsvorsorge vollends zu entmutigen, wie auch an dieser Stelle gewarnt wurde (siehe F.A.Z. vom 14. Januar). Dabei hatte er nicht einmal eine Berechnung zum Lebenszeitrisiko getroffen. Die Aussage „Pech gehabt“ war vielmehr aus dem vergleichsweise groben - weil empirisch ziemlich dünnen - Datenmaterial zur Stammzellvermehrung in unterschiedlichen Körpergeweben abgeleitet worden. Basis dafür ist die moderne These, die besagt, dass die Entartung durch Anhäufung genetischer Fehler - Mutationen - in den noch undifferenzierten und deshalb noch extrem teilungsfreudigen Vorläufer- und Stammzellen des jeweiligen Gewebes geschieht. Mit anderen Worten: Krebs entsteht durch Kopierfehler beim Teilen dieser Zellen. Bedeutet: Je mehr sich die organspezifischen Stammzellen teilen im Laufe eines Lebens, desto größer das Risiko. Manche Zellen wie jene im Dickdarm teilen sich öfter als andere, etwa im Dünndarm. Zwei Drittel der Variationen zwischen den unterschiedlichen Geweben, so hatten Vogelstein und Tomasetti ermittelt, lasse sich auf die fehlerhafte Zellmaschinerie zurückführen. Dabei liegt die quasi darwinistische Annahme - und in unzähligen Laborstudien gemachte Beobachtung - zugrunde, dass die „intrinsischen“ Fehler rein zufällig auftreten und einige fatale Mutationen eben erhalten bleiben. Und deshalb auch kaum zu vermeiden sind.

          Eine Brustkrebszelle in Nahaufnahme: Die Bekämpfung von Krebs wird immer erfolgreicher - und immer kostspieliger.
          Eine Brustkrebszelle in Nahaufnahme: Die Bekämpfung von Krebs wird immer erfolgreicher - und immer kostspieliger. : Bild: DKFZ

          Vogelstein und sein Statistikexperte hatten tatsächlich eine extrem hohe Korrelation zwischen der Häufigkeit und Vermehrungsfreudigkeit der Stammzellen und dem Risiko der Krebsentstehung im jeweiligen Gewebe entdeckt. Doch ihre Statistik hatte die Kritiker ebenso schnell wie die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Kann das stimmen? Spielt der Zufall und das persönliche Glück, respektive das Unglück, wirklich eine so dominante Rolle in der Krebsentstehung? Und wenn ja, wozu dann noch so viel in die Krebsvorbeugung investieren?

          Einige Krebsforscher haben die Aussage zu relativieren versucht, doch keiner wagte den Frontalangriff auf den großen Vogelstein vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center in Baltimore. Das haben jetzt die Medizinstatistiker um Yusuf Hannun und Song Wu vom Stony Brook Cancer Center in New York übernommen. In der britischen Zeitschrift „Nature“, publikationstechnisch also auf Augenhöhe mit dem Vogelstein-Aufsatz, präsentierte die Gruppe eine vierteilige statistische und empirische Widerlegung der Pech-gehabt-These. Ihr völlig anderslautendes Fazit: Nicht der Zufall dominiert, sondern zu 70 bis 90 Prozent ergibt sich das Lebenszeitrisiko, an Krebs zu erkranken, aus dem fatalen Zusammenwirken „extrinsischer“ - ergo: äußerer - Einflussfaktoren. Ultraviolettstrahlung der Sonne und ionisierende Strahlung etwa, ebenso Chemikalien. Einfach formuliert: Das Schicksal liegt nicht in der Hand des Zufalls; es liegt in unserer Hand, die großen Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholmissbrauch oder Luftverschmutzung zu meiden.

          Ein Hautarzt untersucht mit einem Vergrößerungsglas die Haut einer Patientin.
          Ein Hautarzt untersucht mit einem Vergrößerungsglas die Haut einer Patientin. : Bild: dpa

          Die Berechnung des Lebenszeitrisikos zeigt, dass die New Yorker Forscher Vogelsteins Statistikanalysen nicht mathematisch zurechtrücken wollten. Ihr Vorgehen ist kaum miteinander zu vergleichen. In einem Punkt allerdings wird deutlich, weshalb die neuen Analysen praxistauglicher und in der Schicksalsfrage wohl deutlich näher an der Wahrheit sind: Hannun und seine Kollegen gehen von der sehr plausiblen - und durch Datenmaterial belegbaren - zusätzlichen Annahme aus, dass die Kopiermaschinerie in den Krebsstammzellen selbst keineswegs bloß zufallsgesteuert ist, sondern ebenso wie jede andere Zelle im Körper auch direkt dem schädlichen Einfluss von Giftstoffen oder Extremstrahlung unterliegt. Wie anders, schreiben die Forscher in ihrer Studie, sollte zu erklären sein, dass eine Verstrahlung nach einem nuklearen Fallout beispielsweise das Lebenszeitrisiko, an Krebs zu erkranken, schlagartig und nachweislich um das Vierfache steigert?

          Auch die epidemiologische Datenlage sehen die Sony-Brooks-Forscher klar auf ihrer Seite: In unterschiedlichen Teilen der Welt ist das Risiko, an bestimmten Krebsarten zu erkranken, zum Teil sehr verschieden. Brustkrebs etwa findet man in Europa fünfmal so häufig wie in Ostasien oder Zentralafrika, Australier haben sogar ein fünfundzwanzigmal so hohes Prostatakrebsrisiko wie im Süden Zentralasiens. Wandern die jeweiligen Bewohner in die andere Region aus, passen sie ihr Lebenszeitrisiko an ihre neue Heimat an - trotzdem kennt man die äußeren Auslöser vieler Krebsfälle noch immer nicht. Ein Konglomerat aus externen und internen Einflüssen dürfte meistens die Ursache sein. Bei Darmkrebs und Hautkrebs hingegen sehen die Krebsforscher den Nachweis längst erbracht, dass Umwelteinflüsse die Hauptauslöser sind - bei Darmkrebs zu mindestens 75 Prozent in der Ernährung und bei Hautkrebs zu 65 bis 90 Prozent - je nach Hauttumorquelle - in den durch unmäßiges Sonnenbaden ausgelösten Hautbränden.

          Ohne Rauchen gäbe es dem RKI-“Krebsatlas“ zufolge gut 71.000 Krebstote weniger in Deutschland.
          Ohne Rauchen gäbe es dem RKI-“Krebsatlas“ zufolge gut 71.000 Krebstote weniger in Deutschland. : Bild: dpa

          Und noch einen weiteren Beleg führen Hannun und seine Kollegen ins statistische Feld: die genetischen „Fingerabdrücke“, die Schadstoffe und Strahlungen im Erbgut der Krebszellen hinterlassen. Grundsätzlich sammeln sich im Laufe eines Lebens immer mehr schädliche Mutationen an. In Krebszellen kennt man inzwischen aber mindestens dreißig unterschiedliche, charakteristische Fehlermuster in bestimmten Genen, die für den jeweiligen Krebstypus typisch sind. Lediglich von zweien dieser dreißig Fingerabdrücke könne man aber einigermaßen sicher sagen, dass diese wohl allein mit den Prozessen des Alterns in Verbindung stehen. Beim Rest jedoch habe man mehrheitlich Zusammenhänge mit Umwelteinflüssen gefunden, einige spezielle Fingerabdrücke seien klar auf Ultraviolettstrahlung, Tabakgifte oder wie beim Gebärmutterhalskrebs auf Krebsviren zurückzuführen. Im Genom vieler häufiger Krebsarten seien neben mutmaßlich zufallsgenerierten Fehlern eine ganze Reihe von Mutationen entdeckt worden, die eindeutig „äußeren“ Einwirkungen durch Schadstoffe zuzurechnen seien: „Die Mehrheit der Tumore hat einen großen Anteil an extrinsischen Mutationen“ - 100 Prozent der Lungen- und Schilddrüsentumore sowie der Myelome und 80 bis 90 Prozent der Blasen-, Dickdarm- oder Gebärmutterkrebsfälle.

          Bild: F.A.Z.

          Wie nur, dürften sich viele Krebsexperten nach der „Science“-Publikation vor einem Jahr gefragt haben, soll man einen akademischen Giganten wie Vogelstein der Fahrlässigkeit überführen, ohne ihn gleich bloßzustellen? Die vier Forscher aus Stony Brook haben es gewagt und fachlich auf den Punkt gebracht: „Eine simple Regressionsanalyse reicht nicht, zwischen extrinsischen und intrinsischen Faktoren zu unterscheiden.“ Damit ist auch krebsmedizinisch gerade gerückt, was der Dramatiker Bertolt Brecht dereinst auf eine schöne menschliche Formel brachte: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.“

          Neue Daten zu Krebs in Deutschland

          Etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland werden 2016 die Diagnose Krebs erhalten. Das ergibt sich aus der jüngsten Auswertung des Zentrums für Krebsregisterdaten am Berliner Robert-Koch-Institut von diesem Monat. Im Jahr 2012, dem letzten in einer Reihe von fünf analysierten Jahren, waren 225 890 Frauen und 252 060 Männer mit bösartigen Neuerkrankungen erfasst worden. Das Lebenszeitrisiko eines Tumors liegt bei Frauen um die 43 Prozent, bei Männern im Schnitt um 51 Prozent. Bei Letzteren dominieren Prostata- und Lungenkrebs mit zusammen hunderttausend Fällen, ebenso viele machen bei Frauen die beiden wichtigsten Krebsarten - Brust- und Darmtumore - aus. Wegen der vermutlich durch das Früherkennungsprogramm erzielten rückläufigen Zahlen bei Darmkrebs stagnieren die Neuerkrankungen (trotz der älter werdenden Bevölkerung) zwar, doch eine Trendwende ist laut dem Bericht „Krebs in Deutschland“ nicht zu erkennen. Viele besonders gefährliche Formen wie Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs nehmen weiter zu. Etwa 71 000 Neuerkrankungen oder 15 Prozent hätten den RKI-Forschern zufolge durch Verzicht auf Tabakkonsum verhindert werden können. (jom)

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