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Verfluchte Krebs-Lotterie : Das Schicksal ist doch zu bezwingen

Krebsvorsorge mit bildgebenden Verfahren - eine moderne, aber teure Früherkennungsstrategie. Bild: dapd

Die meisten Menschen, die an Krebs erkranken, hatten einfach bloß Pech – ließ ein berühmter Experte wissen. Das war töricht, ja gefährlich. Jetzt kann man die Unglücksthese wieder ad acta legen.

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          Ziemlich genau ein Jahr lang dauerte es, von Anfang Januar bis zur vergangenen Woche, um eine Botschaft zu korrigieren, die sich wie eine hässliche Geschwulst in den Leib der Krebsmedizin gefressen hatte. Nötig war dafür eine aggressive Kombinationstherapie. „Pech gehabt“, mit diesen schlichten Worten hatte die amerikanische Zeitschrift „Science“ in einer ihrer ersten Ausgaben des Jahres die Analyse des amerikanischen Nobelpreiskandidaten Bert Vogelstein unter die Leute gebracht. Mit Schlagzeilen wie „Der Zufall macht den Krebs“ oder „Krebs ist Pechsache“ wurde der Überraschungsbefund unzählige Male ein-zu-eins gespiegelt. Das eigentliche Problem aber, das Vogelstein und der Biostatistiker Christian Tomasetti mit ihrer aufsehenerregenden Arbeit heraufbeschworen, trat dahinter zurück. Die französische Zeitung „Le Monde“ hatte es dann in all seiner Drastik ausformuliert: „Nein, der Krebs ist nicht die Frucht des Zufalls!“, titelte das Blatt. Und weiter: Wir können etwas dagegen tun.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Tatsächlich war die ungewöhnliche statistische Ursachenfahndung Vogelsteins dazu geeignet, die Krebsvorsorge vollends zu entmutigen, wie auch an dieser Stelle gewarnt wurde (siehe F.A.Z. vom 14. Januar). Dabei hatte er nicht einmal eine Berechnung zum Lebenszeitrisiko getroffen. Die Aussage „Pech gehabt“ war vielmehr aus dem vergleichsweise groben - weil empirisch ziemlich dünnen - Datenmaterial zur Stammzellvermehrung in unterschiedlichen Körpergeweben abgeleitet worden. Basis dafür ist die moderne These, die besagt, dass die Entartung durch Anhäufung genetischer Fehler - Mutationen - in den noch undifferenzierten und deshalb noch extrem teilungsfreudigen Vorläufer- und Stammzellen des jeweiligen Gewebes geschieht. Mit anderen Worten: Krebs entsteht durch Kopierfehler beim Teilen dieser Zellen. Bedeutet: Je mehr sich die organspezifischen Stammzellen teilen im Laufe eines Lebens, desto größer das Risiko. Manche Zellen wie jene im Dickdarm teilen sich öfter als andere, etwa im Dünndarm. Zwei Drittel der Variationen zwischen den unterschiedlichen Geweben, so hatten Vogelstein und Tomasetti ermittelt, lasse sich auf die fehlerhafte Zellmaschinerie zurückführen. Dabei liegt die quasi darwinistische Annahme - und in unzähligen Laborstudien gemachte Beobachtung - zugrunde, dass die „intrinsischen“ Fehler rein zufällig auftreten und einige fatale Mutationen eben erhalten bleiben. Und deshalb auch kaum zu vermeiden sind.

          Eine Brustkrebszelle in Nahaufnahme: Die Bekämpfung von Krebs wird immer erfolgreicher - und immer kostspieliger.

          Vogelstein und sein Statistikexperte hatten tatsächlich eine extrem hohe Korrelation zwischen der Häufigkeit und Vermehrungsfreudigkeit der Stammzellen und dem Risiko der Krebsentstehung im jeweiligen Gewebe entdeckt. Doch ihre Statistik hatte die Kritiker ebenso schnell wie die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Kann das stimmen? Spielt der Zufall und das persönliche Glück, respektive das Unglück, wirklich eine so dominante Rolle in der Krebsentstehung? Und wenn ja, wozu dann noch so viel in die Krebsvorbeugung investieren?

          Einige Krebsforscher haben die Aussage zu relativieren versucht, doch keiner wagte den Frontalangriff auf den großen Vogelstein vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center in Baltimore. Das haben jetzt die Medizinstatistiker um Yusuf Hannun und Song Wu vom Stony Brook Cancer Center in New York übernommen. In der britischen Zeitschrift „Nature“, publikationstechnisch also auf Augenhöhe mit dem Vogelstein-Aufsatz, präsentierte die Gruppe eine vierteilige statistische und empirische Widerlegung der Pech-gehabt-These. Ihr völlig anderslautendes Fazit: Nicht der Zufall dominiert, sondern zu 70 bis 90 Prozent ergibt sich das Lebenszeitrisiko, an Krebs zu erkranken, aus dem fatalen Zusammenwirken „extrinsischer“ - ergo: äußerer - Einflussfaktoren. Ultraviolettstrahlung der Sonne und ionisierende Strahlung etwa, ebenso Chemikalien. Einfach formuliert: Das Schicksal liegt nicht in der Hand des Zufalls; es liegt in unserer Hand, die großen Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholmissbrauch oder Luftverschmutzung zu meiden.

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