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Ursachen der Altersblindheit : Wenn das Immunsystem das Auge attackiert

  • -Aktualisiert am

Kurz vor dem Erblinden. Das eingeschränkte Sichtfeld eines älteren Menschen mit einer Makuladegeneration. Bild: Your Photo Today

Auf der Suche nach den Ursachen der Altersblindheit haben britische Forscher ein Protein aus der Leber als Schuldigen ausfindig gemacht. Was ist dran an dem Befund?

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          Wie die altersbedingte Makuladegeneration, die häufigste Ursache für eine Altersblindheit in der westlichen Welt, genau entsteht, liegt noch weitgehend im Dunkeln. Unter dringendem Tatverdacht steht gleichwohl das sogenannte Komplementsystem, ein entwicklungsgeschichtlich alter Ast des Immunsystems. Unklar war bislang allerdings, welches der zahlreichen Mitglieder dieser Familie von Immunproteinen der Netzhaut so zusetzt, dass es zu einer Erblindung kommen kann.

          Forschern um Simon Clark vom Zentrum für ophthalmologische Forschung der Universität Tübingen könnte es nun gelungen sein, einen der Rädelsführer der schweren Netzhauterkrankung zu entlarven. Die Rede ist von einem Protein aus den Reihen des Komplementsystems mit der sperrige Bezeichnung „Factor-H-Related Protein-4“, kurz FHR4. Wie Clark auf Anfrage sagt, hatte er ursprünglich gar nicht vor, den Ursachen der Makuladegeneration auf den Grund zu gehen. Sein eigentliches Forschungsgebiet, mit dem er sich schon seit vielen Jahren befasst, ist das Komplementärsystem. In dem Zusammenhang wollte er eines Tages klären, wo sich FHR4 im Körper genau befindet. „Dazu haben wir einen Antikörper gegen FHR4 entwickelt und das Immunprotein damit in mehr als 50 menschlichen Geweben gesucht.

          Gefunden haben wie es unter anderem in den Augen, allerdings nur bei manchen Personen – und zwar ausschließlich solchen mit altersbedingter Makuladegeneration“, erklärt der Biochemiker. In weiteren Untersuchungen hätten sie dann entdeckt, dass FHR4 ausschließlich in der Leber hergestellt wird. „Da es von dort in die Augen gelangt sein muss, kamen wir auf den Gedanken, im Blut nach FHR4 zu fahnden.“

          Dieses Vorhaben haben die Wissenschaftler in der aktuellen Studie verwirklicht, deren Ergebnisse nun in der Zeitschrift „Nature Communications“ erschienen sind. Ein Vergleich der Blutwerte von rund 500 Patienten mit altersbedingter Makuladegeneration und etwa gleich vielen Personen ohne das Augenleiden bestätigte dann ihre Vermutung. Wie Valentina Cipriani von der Queen Mary University in London, Simon Clark und die anderen Studienautoren berichten, enthielt das Blut der augenkranken Männer und Frauen viel mehr FHR4 als jenes der gesunden Vergleichspersonen.

          Die Retina eines gesunden Auges.

          Eingehende genetische Analysen förderten dann eine weitere Überraschung zutage: Personen mit reichlich FHR4 im Blut waren auffallend oft Träger von genetischen Varianten, die mit einem hohen Risiko für eine altersbedingte Makuladegeneration einhergehen. „Wie unsere Beobachtungen zeigen, beeinflussen diese genetischen Spielarten den Blutgehalt von FHR4“, erklärt Clark und fügt hinzu: „Sie befinden sich allerdings nicht im Gen von FHR4, wie man erwarten würde, sondern in jenem eines anderen Komplement-Proteins, und zwar von Faktor H (FH). Das hat uns sehr erstaunt.“

          Undichte Blutgefäße verströmen FHR4-Proteine

          Weshalb aber reichert sich das Immunprotein FHR4 im Auge an und treibt hier sein Unwesen? Am wahrscheinlichsten hält der britischen Biochemiker folgendes Szenario: Im fortgeschrittenen Alter, wenn die kleinen Blutgefäße zunehmend undicht werden, strömt vermehrt FHR4 aus dem Blut in den Augenhintergrund und facht hier entzündliche Reaktionen an. Je größer dabei sein Gehalt im Blut, desto eher fügt es der Netzhaut möglicherweise Schaden zu. „Personen mit sehr hohen FHR4-Konzentrationen im Blut hatten alle eine Makuladegeneration“, erklärt Clark. Das Immunprotein infiltriere den Augenhintergrund nicht etwa, um dort Krankheitserreger zu bekämpfen. Die Hauptaufgabe des Komplementsystems bestehe zwar darin, solche Eindringlinge abzuwehren. Bei der altersbedingten Makuladegeneration gebe es aber keine Indizien für eine Infektion.

          Frank Holz von der Universitäts-Augenklinik in Bonn bezeichnet die Erkenntnisse von Clark und seinen Kollegen als neu und interessant. „Bis jetzt gibt es allerdings noch keine Therapiestudien, die hierauf aufbauen“, räumt der Ophthalmologe ein. Andere Komplement-Inhibitoren seien diesbezüglich schon weiter. Einer davon, ein Antikörper gegen Faktor D, sei allerdings nicht wirksam gewesen.

          Indes habe ein Hemmstoff gegen ein weiteres Komplement-Protein (C3) in einer kleinen Untersuchung aussichtsreiche Ergebnisse geliefert und würde derzeit in einer großen Studie geprüft. „Sollte er sich bewähren, könnte man vielen Patienten mit der ,trockenen‘ Spätform der altersbdingten Makuladegeneration erstmals eine wirksame Therapie anbieten. Bislang gelingt das nur bei Personen mit der ,feuchten‘ Spätform“, sagt Holz. Was die Terminologie angeht, ist die zweite Variante meist die Folge der ersten: Aus bislang unbekannten Gründen bilden sich bei manchen Personen im vorgeschädigten Augenhintergrund kleine Gefäße, die in die Netzhaut einwachsen. Sie verwandeln den vormals „trockenen“ Defekt somit gleichsam in einen „feuchten“. Da die neuen Blutbahnen sehr durchlässig sind und leicht bluten, können sie das Sehvermögen nachhaltig einschränken. Mit Medikamenten, die das krankhafte Gefäßwachstum unterdrücken, lässt sich ein solches Schicksal häufig abwenden.

          Gegen die verschiedenen „trockenen“ Arten einer altersabhängigen Makuladegeneration, die rund 80 bis 90 Prozent der Erkrankungsfälle ausmachen, ist dagegen noch kein wirksames Mittel gefunden worden. Anders als der einheitliche Begriff altersbedingte Makuladegeneration suggeriert, verbergen sich hinter dieser Diagnose nämlich sehr unterschiedliche Leiden. Das zeigen auch die Ergebnisse der neuen Studie. So wiesen nur etwa 30 der augenkranken Personen erhöhte Mengen an FHR4 im Blut auf. Bei den übrigen dürfte der Untergang der Netzhautzellen somit andere Ursachen haben.

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