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Unerfüllter Kinderwunsch : Frauen überschätzen die Reproduktionsmedizin

  • -Aktualisiert am

Krykonservierte Eizellen Bild: Picture-Alliance

Sie sind um die 40, kinderlos und schieben die Familiengründung immer weiter hinaus: Die Wissenschaft entdeckt eine Frauengeneration, die auf „Social Freezing“ und Samenspenden vertraut – oftmals allzu blauäugig.

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          Kinderlose Frauen, die älter sind als 35 und sich hinsichtlich eines Kinderwunsches in einer Klinik beraten lassen, wollen nicht sofort schwanger werden. Es geht den meisten inzwischen darum herauszufinden, ob und wie sie eine Schwangerschaft noch länger hinausschieben können. Zu diesem Schluss kommt eine Studie dänischer Mediziner um die Gynäkologin Kathrine Birch Petersen im Fachmagazin „Human Reproduction“. Die Wissenschaftler nahmen in ihre Arbeit 340 kinderlose Frauen zwischen 35 und 43 Jahren auf, die sich an eine Abteilung des Uniklinikums Kopenhagen gewandt hatten, in der die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern untersucht wird. 140 Frauen lebten in einer Beziehung, 200 waren Singles. Siebzig Prozent der Single-Frauen wandten sich an die Klinik, weil sie eine Beratung wollten hinsichtlich der Frage, wie man den Kinderwunsch am besten zurückstellen und eine Schwangerschaft in die Zukunft verschieben könne. Immerhin etwas mehr als die Hälfte der Frauen, die in Beziehungen lebten, kamen ebenfalls aus genau diesem Grund.

          Die Studienautoren drücken ihre Überraschung über diese Motivation aus: Schließlich habe eine Befragung ergeben, dass die Frauen, die überwiegend höhere Bildung und ein überdurchschnittliches Einkommen hatten, genau wussten, wann die Fruchtbarkeit einer Frau am höchsten sei und dass sie um das dreißigste Lebensjahr beginne abzunehmen. Dennoch den Kinderwunsch weiter aufzuschieben, so die Forscher, spreche für eine „generelle Überschätzung der eigenen Fruchtbarkeit“.

          Zwei Kinder geplant

          Besonders erstaunlich sei, dass die Frauen im Mittel planten, zwei Kinder zu bekommen. Und nur fünfzehn Prozent konnten sich vorstellen, eine Eizellspende in Anspruch zu nehmen – wären es mehr, könnte dies erklären, warum die Frauen so stark darauf vertrauten, ihren Kinderwunsch noch länger hinausschieben zu können. Immerhin ist beispielsweise die Berliner Lehrerin Annegret R. im Alter von 65 Jahren mit Hilfe von Eizellen einer Spenderin in einer Klinik in der Ukraine schwanger geworden; in diesem Jahr bekam sie Vierlinge – eine öffentlich viel kritisierte Schwangerschaft, die mit einer Frühgeburt nach nur 26 Wochen endete. Auch bei vielen Prominenten, etwa verschiedenen Hollywood-Schauspielerinnen, die im Alter von weit über vierzig Jahren schwanger wurden, werden Eizellspenden vermutet.

          Die Chance auf eine Schwangerschaft steigt, wenn Eizellen für das „Social Freezing“ nicht erst im höheren Alter entnommen werden.
          Die Chance auf eine Schwangerschaft steigt, wenn Eizellen für das „Social Freezing“ nicht erst im höheren Alter entnommen werden. : Bild: Picture-Alliance

          Doch die Probandinnen in der dänischen Studie gaben sogar an, eher eine Adoption in Betracht zu ziehen als eine Eizellspende von einer anderen Frau. Ein Viertel würde generell auch ein Kind adoptieren, aber nur fünfzehn Prozent würden auf gespendete Eizellen zurückgreifen. Fast achtzig Prozent standen einer künstlichen Befruchtung in Form einer IVF- oder ICSI-Prozedur positiv gegenüber, und fast die Hälfte war bereit, die Methode des „Social Freezing“ zu nutzen, also eigene Eizellen einfrieren zu lassen. Siebzig Prozent der Single-Frauen interessierten sich für eine Samenspende, aber nur ein Viertel der Frauen, die einen festen Partner hatten.

          Der Partner fehlte nicht

          Die Studienautoren fanden noch andere Widersprüchlichkeiten neben der Fehleinschätzung hinsichtlich der eigenen Fruchtbarkeit. Die Frauen gaben im Mittel an, dass das ideale Alter für sie selbst, um Kinder zu bekommen, 33 für das erste Kind beziehungsweise 39 Jahre für das zweite sei – dabei hatten sie keine Kinder und waren sämtlich älter als 35. Trotz ihres großen Interesses für ein Einfrieren ihrer Eizellen planten etwa neunzig Prozent, in den folgenden zwei Jahren schwanger zu werden. Birch Petersen und ihre Kollegen erhoffen sich von ihren Daten angesichts dieser Widersprüche auch Aufschluss darüber, was die Frauen abgehalten hat, Kinder zu dem Zeitpunkt im Leben zu bekommen, der ihnen als besonders geeignet erschien. Ein fehlender Partner war es offenbar nicht, so die Wissenschaftler: Die Singles unter den Probandinnen gaben an, dass die eigene Reife, Zugang zu Kindergartenplätzen und die Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, für sie und ihren Kinderwunsch wichtiger seien als ein Partner.

          Hier sei wohl auch das dänische Gesundheitssystem ausschlaggebend, heißt es in der Studie: Reproduktionsmedizinische Methoden stehen in Dänemark sowohl alleinstehenden Frauen als auch Paaren zur Verfügung. Die Insemination mittels Samenspende ist in öffentlichen Krankenhäusern möglich, die Kosten werden übernommen. In diesem Jahr ergab eine Studie in der Fachzeitschrift „Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica“, dass ein Prozent der Babys eines Geburtsjahrgangs in Dänemark Single-Mütter haben, die Methoden der Reproduktionsmedizin in Anspruch genommen haben.

          Auch in anderen Ländern lässt sich feststellen, dass Frauen erst spät beginnen, sich mit reproduktionsmedizinischen Methoden zu befassen. Das durchschnittliche Alter, in dem Frauen über ein „Social Freezing“, die Kryokonservierung von Eizellen, nachdenken, liege bei etwa 38 Jahren, schrieb beispielsweise Heidi Mertes von der Universität Gent in Belgien im Fachmagazin „Reproductive BioMedicine Online“. Die besten Ergebnisse lassen sich mit „Social Freezing“ allerdings erreichen, wenn die Eizellen in jüngerem Alter entnommen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass nach dem Einsetzen solcher zwischenzeitlich kryokonservierter Eizellen wirklich ein Kind zur Welt kommt, sinkt stetig, vergleicht man Fälle, in denen die Eizellen mit Mitte zwanzig entnommen wurden, mit solchen, in denen die Eizellen erst Jahre später entnommen wurden. Sind die Eizellen etwa einer 25-Jährigen entnommen worden, gibt es einer vor zwei Jahren in „Fertility and Sterility“ veröffentlichten Studie zufolge später noch eine Chance von fast 30 Prozent auf eine erfolgreich verlaufende Schwangerschaft. Werden die Eizellen aber erst entnommen und kryokonserviert, wenn die Frau 42 ist, sinkt die Chance, dass sich der Kinderwunsch beim späteren Einsetzen erfüllt, auf gerade mal 10 Prozent.

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