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Umweltskandal : Woher kam das Zeug bloß?

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Andere können seine Sorgen besser verstehen. Im März lud Kaspryk zwei Dutzend Experten zum Workshop nach Rastatt ein. Sie reisten von überall dort in Deutschland an, wo PFC ebenfalls ein Problem ist. Zum Beispiel aus dem Hochsauerland, wo die Substanzen im Jahr 2006 erstmals in Deutschland auftauchten. Von dort stammt die erste Langzeituntersuchung: Bei Kindern, die PFC mit der Nahrung aufnahmen, setzte die Pubertät verspätet ein, fand die Universität Bochum zusammen mit dem Umweltbundesamt heraus.

Der Austausch mit den Kollegen half Kaspryk, Trost fand er nicht: „Alle haben gesagt: Wir hatten das Problem auch. Aber nicht in dieser Dimension.“ Deshalb wandte sich der Wasserwerker Anfang Juli an das Umweltministerium von Baden-Württemberg, das immerhin von den Grünen geführt wird. In einem Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt, heißt es: „Wir wenden uns mit großer Sorge an Sie. Unsere Trinkwasserversorgung ist akut bedroht.“ Nicht nur die vergifteten Äcker führt er darin an, sondern auch einen Feuerwehreinsatz aus dem Jahr 2010, bei dem PFC-belasteter Löschschaum ins Grundwasser sickerte, worüber ihn die Stadt Baden-Baden aber nicht informiert habe. Erst freiwillige Untersuchungen hätten das Gift aufgespürt. Die Folge: Ein Notwasserwerk musste komplett vom Netz genommen werden. Derzeit werde eine neue Verbindung gebaut. Die Kosten trägt am Ende der Bürger.

Der Schaden wird nicht behoben. Er wird verwaltet

Doch auch das baden-württembergische Umweltministerium sieht bisher keinen Anlass, sofort etwas gegen die Verseuchung des Grundwassers zu tun. Die bisherigen Untersuchungen hätten ja gezeigt, dass „aufgrund der komplexen Belastungssituation und der außergewöhnlich großen betroffenen Fläche leider keine geeigneten Sofortmaßnahmen zur Verfügung stehen“, teilt das Ministerium mit. Zudem verweist es auf die rechtlichen Vorgaben, die gemäß dem Bundesbodenschutzgesetz erfolgen.

Diese Haltung empört nicht nur Umweltschützer und Wasserexperten. Das Wasserhaushaltsgesetz werde sträflich missachtet, meint Gunter Kaufmann, ein ehemaliger SPD-Landtagsabgeordneter aus Rastatt. „Notwendig sind dringend Sanierungsmaßnahmen durch die öffentliche Hand“, sagt er. Solche Verfahren gibt es bereits: Mit Aktivkohle lassen sich Chemikalien herausfiltern und auch mit Membranverfahren. An anderen Orten in Deutschland haben sie sich bereits bewährt.

Kaufmann findet es sonderbar, dass sich das Umweltministerium am rechtlichen Rahmen des Bodenschutzgesetzes orientiere und dabei die notwendige Sanierung des Grundwassers vernachlässige. Denn es geht auch anders, wie der PFC-Fall im Hochsauerland belegt: Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen entschied vor einem Jahr, dass das Grundwasser grundsätzlich unbelastet zu sein habe. Deshalb dürften solche Stoffe „überhaupt nicht in ein Medium eingetragen werden“, schrieb das Verwaltungsgericht in seinem Urteil. Selbst eine geringe Wahrscheinlichkeit der Wasserverschmutzung reiche aus, damit die Behörden bei der Sanierung tätig werden dürfen, stellte das Oberverwaltungsgericht fest.

Endlich wieder Wassersicherheit, das wollen am Ende alle. Nur die Behörden wollen zunächst einmal Rechtssicherheit. Der Schaden wird nicht behoben, er wird verwaltet. Bis 2021 wird untersucht, frühestens dann gehandelt, lautet der Plan. Fünfzehn lange Jahre werden dann vergangen sein. Jahre, in denen die Brühe weitergeflossen sein wird. Weiter nach Norden, Richtung Karlsruhe.

Teile der Recherche wurden vom „Netzwerk Recherche“ unterstützt.

Das Problem: Polyfluorierte Chemikalien

Pfannen, in denen nichts anbrennt, Outdoorjacken, die Regen abweisen, Handys, die nicht zerkratzen – in all diesen Produkten stecken poly- oder perfluorierte Chemikalien (PFC). Diese Wundermittel der Industrie weisen Wasser, Schmutz und Fett ab und werden deshalb in Hunderten von Produkten eingesetzt. Verwendung finden sie bei der Herstellung von Kaffeebechern, Pizzakartons und Lebensmittelverpackungen, aber auch bei Wachsen, Farben, Pestiziden sowie Imprägniersprays. Ihre Wirkweise verdanken sie Kohlenstoffketten verschiedener Längen, bei denen die Wasserstoffatome vollständig (perfluoriert) oder teilweise (polyfluoriert) durch Fluoratome ersetzt sind.

Mehr als achthundert dieser künstlich hergestellten Chemikalien werden unterschieden. Jährlich werden Tausende Tonnen davon produziert und verarbeitet. Experten unterscheiden kurzkettige (mit einer Kettenlänge von sechs oder weniger Kohlenstoffatomen) von langkettigen PFC. Einige wenige der langkettigen sind bereits streng reglementiert oder ganz verboten. Aber auch die kurzkettigen sind nach Angaben des Umweltbundesamts alles andere als ungefährlich. „Diese Stoffe gehören nicht in die Umwelt“, sagt die Chemikalienexpertin Lena Vierke.

Da die Stoffe in der Natur nicht vorkommen, können sie dort praktisch nicht abgebaut werden. PFC-Verbindungen sind äußerst stabil. Sie haben sich mittlerweile weltweit verteilt, man findet sie in Flüssen, in Meeren, auf Bergen, selbst in der Arktis, im Himalaja und in der Tiefsee wurden sie schon nachgewiesen. Besonders mobil sind vor allem die kurzkettigen Molekülketten. Über die Nahrungskette und die Luft gelangen sie in die Organe von Mensch und Tier. Beim Menschen ist das Umweltgift bereits im Blut und in der Muttermilch nachgewiesen worden.

In Deutschland sind polyfluorierte Chemikalien erstmals vor zehn Jahren im Hochsauerland gefunden worden. Mittlerweile gibt es Dutzende, wenn auch sehr begrenzte Fundstellen. Rund um Flughäfen wie in Düsseldorf und Nürnberg sind Böden und Wasser ebenfalls verseucht. Dort kam mit PFC versetzter Löschschaum zum Einsatz. In den Vereinigten Staaten sollen nach einer Studie der Harvard University vom August mehr als sechs Millionen Menschen über PFC-verseuchtes Trinkwasser bedroht sein.

Obwohl die Stoffe seit sechzig Jahren hergestellt werden, ist über ihre Gesundheitsgefahr wenig bekannt. Es existieren noch nicht einmal detaillierte Grenzwerte. Bis zu einem Wert von 0,3 Mikrogramm pro Liter seien sie im Trinkwasser unbedenklich, teilt das Umweltbundesamt mit. Steigt die Konzentration über 0,5 Mikrogramm, soll das Wasser von Schwangeren und Kindern nicht mehr getrunken werden. Die EU denkt derzeit über die Einführung von Grenzwerten und Verboten nach, mit ersten Ergebnissen ist voraussichtlich im nächsten Jahr zu rechnen.

Wissenschaftler jedenfalls sind alarmiert. Bei einem Symposion vor einem Jahr in Madrid riefen mehr als zweihundert PFC-Experten die Vertreter von Industrie und Politik dazu auf, die Produktion der riskanten Stoffe zu begrenzen und nach sicheren Ersatzstoffen zu suchen. Versuche an Mäusen, Ratten und Affen hätten bereits gezeigt, dass solche Chemikalien das Immunsystem schwächen und offenbar zur Krebsentstehung beitragen können. Allerdings lassen sich solche Tierversuche nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen.

Trotzdem halten es Mediziner für wahrscheinlich, dass einige dieser Verbindungen verschiedene Krebsarten auslösen und die Fortpflanzungsfähigkeit von Männern und Frauen beeinträchtigen. Außerdem stehen sie im Verdacht, das Hormonsystem zu stören und Erkrankungen der Schilddrüse auszulösen. Kinder mit höherer PFC-Konzentration im Blut zeigten einen verminderten Impferfolg bei Diphterie und Tetanus, zudem setzte ihre Pubertät verspätet ein. Das Umweltbundesamt bewertet die Fluorchemikalien wegen ihrer persistenten, toxischen und teratogenen, also Fehlbildungen hervorrufenden Eigenschaften als „besonders besorgniserregend“.

 

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