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Umweltskandal : Woher kam das Zeug bloß?

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Eine Fehleinschätzung: Vier Monate später musste man einräumen, es seien dann doch Unterschiede zwischen den Kulturpflanzen erkennbar. Zudem sei „die PFC-Aufnahme bei einigen Pflanzen und Kulturen gegeben“, hieß es in schönstem Behördendeutsch. Ein Jahr später teilte das Landwirtschaftsamt den verblüfften Bürgern während eines Infoabends mit, dass „in einigen Fällen die PFC-Werte der Feldfrüchte über den Vorsorge-Werten lagen“; auch sei es nun doch nicht unproblematisch, PFC-haltiges Beregnungswasser zu verwenden. Fazit: PFC-verseuchte Böden seien grundsätzlich „für die Erzeugung von Lebensmitteln problematisch beziehungsweise nicht geeignet“. Da waren Spargel, Erdbeeren und Salate längst verzehrt.

Fehleinschätzungen und Merkwürdigkeiten

Diese Art der Verschleppung bezeichnet das Regierungspräsidium Karlsruhe wiederum als einen „Prozess zunehmenden Erkenntnisgewinns“. Die ersten Untersuchungen von Pflanzen und Lebensmitteln hätten Sondierungscharakter gehabt, heißt es. Außerdem habe man nur eine Untergruppe der fraglichen Umweltgifte, nämlich die langkettigen PFC untersucht. Mit den kurzkettigen würde sich bundesweit niemand beschäftigen, weshalb man nichts Genaues wüsste, ließen die Behörden auf Informationsveranstaltungen verkünden. Die ersten Freilandversuche würden deshalb nun 2016 im Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg bei Karlsruhe stattfinden.

Warum so spät? Schon eine schnelle Internetrecherche zeigt, dass die kurzkettigen PFC längst erforscht werden. Intensiv widmet sich ihnen zum Beispiel der Umweltchemiker Thorsten Stahl vom Hessischen Landeslabor. Sie gelten als äußerst mobil, persistent und gefährlicher als die langkettigen PFC. Seit sieben Jahren beschäftigt sich Stahl mit diesem Thema. Aber er sei nicht der Einzige in Deutschland, es gebe noch weitere Arbeitsgruppen, schreibt er per Mail.

Hätten die badischen Behörden den Experten aus Wiesbaden von Anfang an miteinbezogen, wären sie vielleicht nicht ausgerechnet auf Mais als Anbaualternative verfallen, wie es etwa in diesem Jahr noch das Regierungspräsidium Karlsruhe empfahl. Diese Kulturpflanze nimmt die Substanzen vermutlich ebenfalls auf und lagert sie in den Körnern ein. Riskant bis fahrlässig war jedenfalls die Entscheidung, kontaminierte Feldfrüchte einfach auf den Feldern zu lassen und unterzupflügen. Auch ist es gängige Praxis, dass belastetes Getreide als Verschnitt an Tiere verfüttert wird. Denn damit bleiben die Chemikalien im Kreislauf.

Die Landwirtschaft wird aufrechterhalten - um jeden Preis

Wieso der Anbau auf den belasteten Flächen nicht verboten wird, bleibt rätselhaft. Stehen die Landwirte unter besonderem Behördenschutz? Das Beispiel des Öko-Bauern Christoph Decker veranschaulicht, wie schnell berufliche Existenzen bedroht sein können, wenn Gewächshausflächen oder ganze Felder brachliegen. Dass man in dieser brisanten Situation weiterhin Landwirtschaft betreibt, hält Decker allerdings für verantwortungslos: „Wir können doch nicht warten, bis man weiß, wie giftig diese Stoffe wirklich sind.“

Ein Bauer, der anonym bleiben will, berichtet von regelmäßigen Treffen der Landwirte mit Vertretern des Regierungspräsidiums und des Landratsamtes. Im Gegensatz zu anderen Informationen dringe davon nichts an die Öffentlichkeit: „Hier scheut man wohl die Reaktion der Verbraucher“, sagt er. Vielleicht fürchtete man auch den Imageschaden, als die Behörden entschieden, dass Verbraucher nicht erfahren sollen, ob dieser oder jener Spargel von einem PFC-belasteten Acker stammt. Datenschutz scheint dann doch wichtiger zu sein als Verbraucherschutz.

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