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Umweltskandal : Woher kam das Zeug bloß?

  • -Aktualisiert am

Die Chemikalien sickern seit Jahren ins Grundwasser

In Mittelbaden blüht die Landwirtschaft. Spargelstangen gedeihen hier, Erdbeeren und Mais. Es ist inzwischen ein bisschen wie in Tolkiens Auenland: schön, aber nicht geheuer. Mindestens 400 Hektar Ackerboden gelten mittlerweile als PFC-verseucht. Die Pflanzen, die darauf wachsen, nehmen die Substanzen unterschiedlich auf. Über Jahre hinweg landeten so womöglich belastete Lebensmittel auf dem Tisch der Verbraucher. Allerdings ist das aus Expertensicht das kleinere Problem, verglichen mit weit gravierenderen Folgen: Die Chemikalien sickern unaufhaltsam ins Grundwasser. Ausgerechnet in einer Region, in der Einwohner normalerweise vom Wasserreichtum profitieren. Denn tief unter Rastatt und Baden-Baden strömt der verzweigte Oberrhein-Aquifer, einer der größten unterirdischen Flüsse Europas, in Richtung Norden.

Ökobauer Christoph Decker kann seine Ernte vergessen.

Mit PFC verunreinigtes Wasser ist bereits unbemerkt in Haushalte und Betriebe geflossen, sprudelte dort als Trinkwasser aus den Hähnen. Und gelangte auf diesem Wege auch in das Gewächshaus des Öko-Bauern Christoph Decker, der es arglos für seine Beregnungsanlage nutzte. Wie lange und in welcher Konzentration die Fluorchemikalien durch die Leitungen quollen, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Der Boden in Deckers Gewächshaus ist jedenfalls unbrauchbar. Der Austausch würde etwa eine halbe Million Euro kosten, niemand bezahlt ihm das.

Mehr als eine Milliarde, zwei oder gar drei Milliarden Euro müsste man wohl veranschlagen, um das verseuchte Erdreich im Freiland zu ersetzen. Die Böden der Gegend sind sandig und dementsprechend durstig. Viele Bauern bewässern ihre Felder, illegale Brunnen sind eher die Regel als die Ausnahme. Und je häufiger dadurch verseuchtes Wasser auf die Äcker rieselt, desto mehr PFC reichern sich an.

Handeln die Behörden im Interesse der Verbraucher?

Mehr als drei Jahre ist der Skandal jetzt aktenkundig. Es ist ein schwieriger Fall: Weder die Ursache noch das Ausmaß sind bekannt, auch weiß man wenig über die tatsächlichen Gesundheitsgefahren. Für Wasser und Lebensmittel existieren nicht einmal Grenzwerte in Deutschland, die zuständigen Ministerien in Baden-Württemberg haben notgedrungen verbindliche Werte festgelegt. Zwar haben die lokalen Ämter sofort reagiert, es wurden umfassende Untersuchungen in Auftrag gegeben, es wurde beprobt, gewarnt und begutachtet. Trotzdem muss man sich fragen, ob die zuständigen Beamten und Politiker immer korrekt und im Interesse der Bevölkerung gehandelt haben. In welcher Version die Geschichte des PFC auch erzählt wird – sie bezeugt in vielerlei Hinsicht politisches Versagen. Die Liste der Fehleinschätzungen und Merkwürdigkeiten ist jedenfalls lang.

Dazu gehört, dass der Landwirtschaftsbetrieb um jeden Preis aufrechterhalten werden sollte. Bauern dürfen bis heute auf verseuchten Äckern unter bestimmten Auflagen Obst und Gemüse anbauen. Zum Beispiel sollen nur solche Pflanzen zum Einsatz kommen, die kein PFC einlagern. Und noch im Juli 2014 bescheinigte das Landwirtschaftsamt Rastatt die „Unbedenklichkeit für den Verzehr der beprobten Lebensmittel“, weil die Belastungen der Böden angeblich nicht ausreichten, um die dort wachsenden Pflanzen stärker zu kontaminieren.

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