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Umweltskandal : Woher kam das Zeug bloß?

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Warum so viele Bauern das Kompostgeschenk annahmen, ist im Nachhinein nicht mehr zu erfahren. Die meisten schweigen sich über das leidige Thema aus. Christoph Decker ist einer der wenigen, der offen darüber spricht. Hätten die Bauern etwas ahnen können? „Wenn mir jemand einen Apfel zusteckt, dann freue ich mich und frage nicht nach“, sagt er. „Aber wenn mir jemand zehn Kilo Äpfel schenkt, muss ich mich doch fragen, warum er das macht und was da in den Äpfeln wohl drin ist.“

Er will jetzt vor allem wissen, wie gefährlich diese Stoffe sind. So hat er schon zahlreiche Stunden im Internet verbracht. Eines lernte er schnell: Von alleine werden die PFCs nicht wieder verschwinden. Das Problem bleibt der Region noch Jahrzehnte erhalten. Denn diese Substanzen kommen in der Natur normalerweise nicht vor und sind kaum abbaubar. Seit sechzig Jahren werden PFCs industriell verarbeitet, über die Gesundheitsrisiken ist dennoch wenig bekannt.

Die PFCs sind wahrscheinlich krebserregend

Dass es jedoch keine harmlosen Chemikalien sind, lässt ein Umweltskandal annehmen, der sich im amerikanischen Bundesstaat West Virginia ereignete. Zehntausende Menschen wurden dort über mehrere Jahrzehnte hinweg einer stark erhöhten PFC-Konzentration im Trinkwasser ausgesetzt. Ein Teflon-Werk des Chemiegiganten DuPont hatte giftige Abwässer in den Ohio River geleitet und wurde von der amerikanischen Umweltbehörde EPA im Jahr 2005 mit einer Geldstrafe von 16,5 Millionen Dollar belegt. Gleichzeitig veranlasste man eine Studie, bei der 70.000 Menschen in der Umgebung medizinisch untersucht wurden. Epidemiologen stießen auf mehr als fünfzig Krankheiten, die möglicherweise mit den Stoffen in Zusammenhang stehen, darunter 21 Krebsarten. Außerdem sprach ein Zivilgericht einer krebskranken Frau Schadensersatz in Höhe von 1,6 Millionen Dollar zu. DuPont akzeptierte die Strafe, sah darin aber kein Schuldeingeständnis.

Einen Schuldigen hat man auch im Badischen noch nicht gefunden. Der Komposthändler Franz Vogel steht zwar im Fokus der Behörden und Gerichte, ob er aber als Verursacher in Frage kommt, ist offen. Vogel wurde in einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Mannheim dazu verpflichtet, die Voruntersuchungen der Böden zu bezahlen. Das Gericht hatte festgestellt, dass es sich bei dem Kompostgemisch „um die kostengünstige Entsorgung minderwertigen Materials und nicht um die Lieferung biologisch wertvollen Düngers gehandelt hat“. Als gerecht empfindet Komposthändler Vogel das Urteil nicht, das sagt er gleich beim ersten Anruf und lädt zum Gespräch ein. Es gebe neue Gutachten und mehrere Ungereimtheiten.

Franz Vogel empfängt den Besuch auf seinem Kompostwerk in Bühl. Es ist Nachmittag und viel los; Hobbygärtner laden Grünschnitt ab, füllen ihre Eimer mit frischem Dünger, im Hintergrund stehen Kompostberge. Vogel bittet in den Konferenzraum, wo er Tiroler Granderwasser reicht. „Das belebt“, sagt Vogel, „trinken Sie.“ Positive Schwingungen sollen auch die Steine verbreiten, die er im ganzen Werk ausgelegt hat, damit das Böse draußen bleibt.

Der Komposthändler weist die Vorwürfe von sich

Mit am Tisch sitzen seine vier Berater, ein Pressesprecher und ein Rechtsanwalt, ein Umweltchemiker und ein Kompostexperte, Letztere im Ruhestand. Sie kennen seine Version der Geschichte, die Vogel jetzt erzählt. Demnach sollen die Gewerbeaufsicht und Papierfabriken Anfang der 2000er Jahre auf ihn zugekommen sein, ob er nicht Papierschlamm kompostieren könne.

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