https://www.faz.net/-gwz-6m5hk

Umstrittene Krebszentren : Wildwuchs in den Kliniken?

  • -Aktualisiert am

Eine wandernde Krebszelle: Nahezu jede Minute erkrankt in Deutschland ein Mensch neu an Krebs Bild: dpa

Über 500 Krebszentren im Land sind mehr als genug. Nach der Euphorie der Gründungswelle folgt nun die Ernüchterung. Vor allem mangelnde Finanzierung wird für viele Tumorzentren existenzgefährdend. Eine kritische Bilanz.

          In der Bundesrepublik gibt es inzwischen mehr als 500 Krebszentren. Das Spektrum umfasst leistungsfähige große multidisziplinäre Forschung betreibende Zentren wie das Westdeutsche Tumorzentrum in Essen ebenso wie kleine, eher lokal aktive Einrichtungen, die sich auf die Behandlung einer Tumorerkrankung, etwa Brust- oder Prostatakrebs, konzentrieren. Dieser Boom, der vor rund zehn Jahren begann, hat vielfach zu einem Wildwuchs geführt, der für die Patienten und ihre Angehörigen kaum zu durchschauen ist. Zwar sind die meisten Zentren durch wissenschaftliche Fachgesellgeschaften zertifiziert, doch es gibt noch viele Lücken bei der Qualitätssicherung. Auch wenn sich die Lage in den letzten Jahren erheblich verbessert hat ist die Versorgung in den einzelnen Institutionen nach wie vor unterschiedlich.

          „Beliebigkeit“ kehrte ein

          Im Jahre 2000 griff der damalige Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, der Berliner Urologe Lothar Weißbach, die Tumorzentren scharf an und warf ihnen "Beliebigkeit" vor. Die Kritik wurde insgesamt als unberechtigt empfunden, doch die Mängel waren so offenkundig, dass die Deutsche Krebshilfe, die Deutsche Krebsgesellschaft und die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren beschlossen, die Tätigkeit der Zentren gemeinsam zu evaluieren. Die Analyse deckte so viele Schwachstellen auf, dass die Krebshilfe sich entschloss, mit ihren Mitteln neue "Onkologische Spitzenzentren" aufzubauen. Sie sollten neue Standards in der Diagnostik, Behandlung und Betreuung von Krebskranken etablieren, Patienten nach weitgehend einheitlichen Prozessen versorgen und die Krebsforschung voranbringen. Außerdem müssen die in der Region ansässigen Artztpraxen in die Versorgung eingebunden werden.

          Darmkrebs ist nach Prostata- und Brustkrebs die dritthäufigste Krebserkrankung

          Inzwischen fördert die Krebshilfe zehn solcher universitärer Spitzenzentren (Berlin, Dresden, Erlangen, Essen, Frankfurt, Hamburg, Köln/Bonn, Tübingen, Ulm und Würzburg) sowie das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg. Es wird vom Universitätsklinikum Heidelberg, der Toraxklinik Heidelberg, dem Deutschen Krebsforschungszentrum sowie der Deutschen Krebshilfe getragen. Diese Zentren, die über drei Jahre jeweils drei Millionen Euro erhalten, kooperieren über ein Netzwerk miteinander. Insgesamt sollen 13 solcher Spitzenzentren unterstützt werden.

          Neues Netzwerk von Spitzenzentren

          Kürzlich fand in Bonn das erste Treffen dieses Netzwerkes statt, das einen Einblick in die Leistungsfähigkeit und die Vielfältigkeit dieser Einrichtungen vermittelte. Der für die Spitzenzentren bei der Krebshilfe alls Experte tätige Kieler Gynäkologe Walter Jonat bezeichnete dieses Projekt als eines der erfolgreichsten Förderungsprogramme seit der Gründung der Organisation durch Mildred Scheel. Es habe zu einer "Neuorientíerung der gesamten Tumorszene und zu einer Neustrukturierung der Krebsforschung geführt". Der Erfolg beruhe auf einem internationalen Gutachtersystem, das Interessenkonflikte der beteiligten Wissenschaftler ausschalte. Auch Weißbach bezeichnet in einem Gespräch die Spitzenzentren als großen Fortschritt.

          40 Millionen Menschen in Reichweite

          Die Spitzenzentren entsprechen ihrem amerikanischen Vorbild, den sogenannten Comprehensive Cancer Centers (CCC). Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört die enge Verzahnung von Grundlagenforschung und Klinik, die man neuerdings hochtrabend als "Translationale Forschung" bezeichnet. Wenngleich im Einzugsgebiet der Spitzenzentren, wie in Bonn zu hören war, rund 40 Millionen Menschen, also fast 50 Prozent der Bundesbürger, leben, werden für eine flächendeckende Versorgung weitere Einrichtungen benötigt. Gemeinsam mit der Krebsgesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft der Tumorzentren hat die Krebshilfe ein umfassendes dreistufiges Programm entworfen. Es sieht zwei weitere Versorgungsebenen vor: zunächst sogenannte Klinische Onkologische Zentren (CC) und dann Organzentren (C). Wenngleich bei den Klinischen Zentren die Forschung nicht dominiert, so müssen sie doch einem breiteren Spektrum an Krebserkrankungen gewachsen sein.

          Das Übergewicht der Organzentren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fast-Fashion-Tracht : Dirndl für alle

          Eine große Modekette entdeckt das Oktoberfest für sich – mit günstigen Trachten für die Massen. In München kommt das nicht gut an.
          Die meisten Manager finden ihren Job heute schwerer als früher (Symbolbild).

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.