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Umstrittene Krebszentren : Wildwuchs in den Kliniken?

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Die Organkrebszentren, die sich auf die Behandlung eines Tumorleidens konzentrieren, dominieren die Szene. Nach Angaben von Johannes Bruns, dem Geschäftsführer der Krebsgesellschaft, gibt es rund 200 Brustzentren, 200 Darmzentren und 70 Prostatazentren. Wie sich in Bonn zeigte, verfügen auch viele Spitzenzentren über bis zu 12 einzelnen Organzentren, die miteinander kooperieren. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit gehört eigentlich zu den Prämissen der Onkologie. Doch dieses Prinzip - in der angelsächsischen Welt selbstverstänlich - kann sich in Deutschland nur schwer durchsetzen. Weißbach kritisierte, dass die Zentren nicht aus eigenem Antrieb existierten, sondern weil die Forschungsmittel lockten. Auch der Jenaer internistische Onkologe K. Höffken sieht seit langem Mängel in der Interdisziplinarität. Die einzelnen Fächer beanspruchten allzu oft ein Alleinvertretungsanspruch - auch dort, wo die Spezialisierung Multidisziplinarität erfordere, um dem Patienten die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen. Über die Interdisziplinarität diskutieren die Mediziner offentlich nur ungern. Man lebt in der Vorstellung, sie sei gewissermaßen eine so grundlegende Voraussetzung, dass weitere Erörterungen unnötig seien.

Die Interdisziplinarität überfordert auch schnell die Patienten, die angesichts der Fülle von Institutionen leicht die Übersicht verlieren. Am Integrierten Onkologischen Centrum (IOC) Köln/Bonn helfen Lotsen den Patienten, sich besser zu orientieren. Sie organisieren sogar das interdisziplinäre Konzil. Bei den Lotsen handelt es sich um erfahrene Krankenschwestern oder -pfleger, die die Patienten über lange Zeit begleiten. Ärzte können dies, wie der Lerter des Kölner Zentrums Jürgen Wolf sagte, nicht. Patienten und Angehörige haben auf diese Weise ständig einen Ansprechpartner. Die Lotsen sind auch die Brücke zur Psychoonkologie und zur Palliativmedizin. Schließlich sind die Lotsen ein sensibles Frühwarnsystem, das Schwierigkeiten am Übergang zur ambulanten Versorguung signalisiert.

Tumorregister noch mit Mängeln

Um die Aufgaben der Spitzenzentren besser zu bewältigen, hat man innerhalb des Netzwerks Arbeitsgruppen gegründet. Sie befassen sich unter anderem mit Fragen der Dokumentation und der Finanzierung. Die Diskussionen um die Dokumentation konzentrierten sich auf die Tumorregister, die nach wie vor selten den Anforderungen entsprechen. Die Daten der verschiedenen Register geben kaum Auskunft über den Verlauf der Erkrankung, außerdem sind sie nicht vergleichbar. Nikolaus Becker vom Heidelberger Krebsforschungszentrum forderte daher einen Basisdatensatz und eine Harmonisierung, die aber wohl kaum durch Verordnungen zu erreichen sein wird, sondern eher durch Verständigung auf ein Lastenheft, das bestimmte Kriterien vorgibt. Unklar ist nach wie vor die Finanzierung der klinischen Krebsregister.

Noch größere Schwierigkeiten bereitet allerdings die Finanzierung der Tumorzentren, und zwar nicht nur der Spitzenzentren. Diese suchen derzeit nach Wegen, wie die erforderlichen Mittel für die Interdisziplinarität aufgebracht werden könnten. Die Förderung durch die Krebshilfe kann schnell ausbleiben, weil alle drei Jahre eine Überprüfung durch Gutachter stattfindet. Wie Angelika Eggert vom Westdeutschen Tumorzentrem berichtete, hofft man, mögliche Geldgeber - vor allem die Krankenkassen - unter anderem durch die hohe Behandlungsqualität und Behandlungstransparenz vom erhöhten Finanzbedarf der Tumorzentren zu überzeugen.

Die Frage der Finanzierung stellt sich natürlich auch für die Klinischen Onkologischen Zentren und die Organzentren. Viele dieser Institutionen wurden lediglich gegründet, um Marktvorteile gegenüber Konkurrenten zu erreichen. Doch offensichtlich sind längst nicht alle Tumorzentren so attraktiv wie die Betreiber dies vermuteten. Bei den Prostatazentren hat sich beispielsweise herausgestellt, dass der zusätzliche Aufwand in Höhe von 150 000 Euro jährlich weder die Patientenzahlen noch die Erlössituation steigern konnte. Daher ist damit zu rechnen, dass der Gründungseuphorie bald die Ernüchterung folgt.

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