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Umstrittene Geburtshilfe : Der sinnlos malträtierte Bauch

  • -Aktualisiert am

Den Bauch einer schwangeren Frau sollte man behutsam anfassen. Bild: dpa

Noch immer wird versucht, mit Druck der Hände und Arme eine Geburt zu beenden. Dabei schadet der Kristeller-Handgriff der Schwangeren und dem Neugeborenen mehr, als er nutzt.

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          Wenn Frauen berichten, jemand habe sich auf ihren „Bauch geschmissen und ihn gedrückt“, ihnen sei die Luft weggeblieben oder sie hätten „nur noch geschrien, weil es so furchtbar war“, dann verbindet die Phantasie der meisten Menschen damit vermutlich das Falsche. Hebammen und Ärzte wissen es aber besser. Sie denken sofort an das „Kristellern“. Mit diesem umstrittenen Verfahren hat erst vor kurzem die Hebamme Ulrike Harder aus Berlin auf dem diesjährigen Deutschen Hebammenkongress in Bremen schonungslos abgerechnet. Auch Experten rügen seit Jahren, dass Schwangere regelmäßig mit einer Methode behandelt werden, von der die einschlägigen Lehrbücher sowie die zuständigen ärztlichen Fachgesellschaften abraten und über die eine umfassende Qualitätsanalyse urteilt, dass sie keinerlei Vorteile mit sich bringt. In einer aktuellen Studie in der Zeitschrift „Hypertension Pregnancy“ wird Kristellern als nutzlos und vermutlich als nicht sicher bezeichnet. Die Methode sollte nur noch im Rahmen von wissenschaftlichen Studien erlaubt sein, urteilt die Weltgesundheitsorganisation.

          Der Berliner Geburtshelfer Samuel Kristeller hat 1867 diesen nach ihm benannten Handgriff angewandt, um ein Kind bei schwachen Herztönen aus der Mutter herauszudrücken – und zwar mit insgesamt 29 Versuchen. Im historischen Fall habe die Frau es „als akzeptabel“ erlebt, heißt es. Vor rund 150 Jahren gab es gleichwohl nicht viele Möglichkeiten, wie man Schwangeren hätte helfen können, wenn die Geburt stockte. Es gab nur die Geburtszange, die längst in Misskredit geraten ist. Heute kann das Kind mit der Saugglocke oder dem Kaiserschnitt geholt werden, wenn die Geburt zu lange dauert. Das Kristellern hat sich dennoch bis heute gehalten.

          Ausdrücke wie Kristellerhandgriff oder Kristellerhilfe sind eigentlich irreführend, sie suggerieren Behutsamkeit. Das mitunter äußerst brachiale Vorgehen ist nicht einmal einheitlich definiert. Manche Abbildungen zeigen, wie zwei Hände von oben nach unten drücken, manche Hebammen und Ärzte schieben, allerdings mit dem quer über dem Bauch liegenden Unterarm, was höchst umstritten ist. Dann dient eine am Bettgestell befestigte Schlinge als Haltepunkt, um die Hebelwirkung zu erleichtern. Mitunter kristellern auch zwei Personen gleichzeitig oder nacheinander. Oft stellen sich die Geburtshelfer auf einen Hocker oder ein Treppchen, um von oben massiv Druck ausüben zu können. Dass Schwangere Blutergüsse davontragen, zeugt von den rohen Kräften, die hier walten. Ärzte oder Hebammen, die das Kristellern gegen jede Empfehlung praktizieren, riskieren dennoch keine Rüge. Denn es wird üblicherweise weder dokumentiert, was geschieht, noch wissen die allermeisten Frauen, wie ihnen geschieht.

          Bei jeder Geburt kristellert

          Offiziell bestätigt Franz Kainer, Chefarzt der Abteilung für Geburtshilfe in Nürnberg, in einem Beitrag für die Zeitschrift „Hebamme“, dass der Kristellerhandgriff „in den Kreißsälen noch durchgeführt“ werde. Er räumt ein, dass brauchbare Statistiken fehlten, „da kein Perinatal-Programm die Anwendung dokumentiert“. Anders formuliert: Keine Geburtsklinik ist gezwungen, darüber Rechenschaft abzulegen, so sieht Qualitätskontrolle in deutschen Geburtskliniken im einundzwanzigsten Jahrhundert aus.

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