https://www.faz.net/-gwz-9q9eq

Umstrittene Geburtshilfe : Der sinnlos malträtierte Bauch

  • -Aktualisiert am

Den Bauch einer schwangeren Frau sollte man behutsam anfassen. Bild: dpa

Noch immer wird versucht, mit Druck der Hände und Arme eine Geburt zu beenden. Dabei schadet der Kristeller-Handgriff der Schwangeren und dem Neugeborenen mehr, als er nutzt.

          4 Min.

          Wenn Frauen berichten, jemand habe sich auf ihren „Bauch geschmissen und ihn gedrückt“, ihnen sei die Luft weggeblieben oder sie hätten „nur noch geschrien, weil es so furchtbar war“, dann verbindet die Phantasie der meisten Menschen damit vermutlich das Falsche. Hebammen und Ärzte wissen es aber besser. Sie denken sofort an das „Kristellern“. Mit diesem umstrittenen Verfahren hat erst vor kurzem die Hebamme Ulrike Harder aus Berlin auf dem diesjährigen Deutschen Hebammenkongress in Bremen schonungslos abgerechnet. Auch Experten rügen seit Jahren, dass Schwangere regelmäßig mit einer Methode behandelt werden, von der die einschlägigen Lehrbücher sowie die zuständigen ärztlichen Fachgesellschaften abraten und über die eine umfassende Qualitätsanalyse urteilt, dass sie keinerlei Vorteile mit sich bringt. In einer aktuellen Studie in der Zeitschrift „Hypertension Pregnancy“ wird Kristellern als nutzlos und vermutlich als nicht sicher bezeichnet. Die Methode sollte nur noch im Rahmen von wissenschaftlichen Studien erlaubt sein, urteilt die Weltgesundheitsorganisation.

          Der Berliner Geburtshelfer Samuel Kristeller hat 1867 diesen nach ihm benannten Handgriff angewandt, um ein Kind bei schwachen Herztönen aus der Mutter herauszudrücken – und zwar mit insgesamt 29 Versuchen. Im historischen Fall habe die Frau es „als akzeptabel“ erlebt, heißt es. Vor rund 150 Jahren gab es gleichwohl nicht viele Möglichkeiten, wie man Schwangeren hätte helfen können, wenn die Geburt stockte. Es gab nur die Geburtszange, die längst in Misskredit geraten ist. Heute kann das Kind mit der Saugglocke oder dem Kaiserschnitt geholt werden, wenn die Geburt zu lange dauert. Das Kristellern hat sich dennoch bis heute gehalten.

          Ausdrücke wie Kristellerhandgriff oder Kristellerhilfe sind eigentlich irreführend, sie suggerieren Behutsamkeit. Das mitunter äußerst brachiale Vorgehen ist nicht einmal einheitlich definiert. Manche Abbildungen zeigen, wie zwei Hände von oben nach unten drücken, manche Hebammen und Ärzte schieben, allerdings mit dem quer über dem Bauch liegenden Unterarm, was höchst umstritten ist. Dann dient eine am Bettgestell befestigte Schlinge als Haltepunkt, um die Hebelwirkung zu erleichtern. Mitunter kristellern auch zwei Personen gleichzeitig oder nacheinander. Oft stellen sich die Geburtshelfer auf einen Hocker oder ein Treppchen, um von oben massiv Druck ausüben zu können. Dass Schwangere Blutergüsse davontragen, zeugt von den rohen Kräften, die hier walten. Ärzte oder Hebammen, die das Kristellern gegen jede Empfehlung praktizieren, riskieren dennoch keine Rüge. Denn es wird üblicherweise weder dokumentiert, was geschieht, noch wissen die allermeisten Frauen, wie ihnen geschieht.

          Bei jeder Geburt kristellert

          Offiziell bestätigt Franz Kainer, Chefarzt der Abteilung für Geburtshilfe in Nürnberg, in einem Beitrag für die Zeitschrift „Hebamme“, dass der Kristellerhandgriff „in den Kreißsälen noch durchgeführt“ werde. Er räumt ein, dass brauchbare Statistiken fehlten, „da kein Perinatal-Programm die Anwendung dokumentiert“. Anders formuliert: Keine Geburtsklinik ist gezwungen, darüber Rechenschaft abzulegen, so sieht Qualitätskontrolle in deutschen Geburtskliniken im einundzwanzigsten Jahrhundert aus.

          Weitere Themen

          Die Asteroiden-Mission von „Osiris-Rex“ Video-Seite öffnen

          Videografik : Die Asteroiden-Mission von „Osiris-Rex“

          Nach dem erfolgreichen Sammeln von Gesteins- und Staubproben auf dem Asteroiden Bennu ist die US-Raumsonde „Osiris-Rex“ auf dem Heimweg zur Erde. Wissenschaftler erhoffen sich von der Mission Erkenntnisse über die Bildung unseres Sonnensystems.

          Topmeldungen

          Ausmaß der Zerstörung: eine Straßenkreuzung in Cholon, Israel

          Gewalt in Nahost : Hamas feuert 130 Raketen auf Tel Aviv

          Militante aus dem Gazastreifen feuern am Abend mehr als hundert Raketen auf Zentralisrael. Im Großraum Tel Aviv kommt es immer wieder zu schweren Explosionen. Mindestens ein Mensch stirbt.
          Ende einer Quälerei: In wenigen Tagen werden Präsident Keller und Generalsekretär Curtius (links) den Deutschen Fußball-Bund verlassen.

          Keller, Curtius und Koch : Befreiungsschlag beim DFB

          Präsident Fritz Keller zieht sich zurück, Friedrich Curtius gibt auf, Rainer Koch verzichtet auf eine Wiederwahl: Fast die gesamte Führung des DFB macht den Weg frei für einen Neuanfang.
          Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

          Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

          Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.
          Die EZB erwartet eine steigende Inflation. Allerdings meint sie, der Anstieg sei nur vorübergehend.

          Steigende Preise : Was Sparer zur Inflation wissen müssen

          Alles rund ums Bauen wird teurer, aber auch viele Lebensmittel und vor allem Heizöl und Benzin. Steigt mit dem Abklingen der Pandemie die Inflation? Und wie können sich Sparer rüsten?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.