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Umstrittene Diabetesmittel : Geheimniskrämerei in der Pharmabranche

  • -Aktualisiert am

Antidiabeitika in Verruf: Droht ein neuer Arzneimittelskandal? Bild: dapd

Eine Gruppe von Diabetesmitteln fördert offenbar Entzündungen im Darm. Doch die Hersteller sitzen auf ihren Studien und die Behörden halten sich bedeckt.

          5 Min.

          Schon wieder steht eine zunächst als Durchbruch gefeierte Klasse von Medikamenten wegen des Verdachts auf ernste Nebenwirkungen in der Kritik. Und erneut sehen sich die einschlägigen Arzneimittelhersteller dem Vorwurf ausgesetzt, die gesundheitlichen Risiken der Hoffnungsträger heruntergespielt und unliebsame Daten unter den Teppich gekehrt zu haben. Was dem Entzündungshemmer Vioxx und dem Antidiabetikum Rosiglitazon zum Verhängnis wurde, könnte nun auch den sogenannten Inkretinen widerfahren. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Medikamenten, die den blutzuckersenkenden Effekt natürlicher Darmhormone, der Inkretine, nachahmen oder verlängern. Etlichen Indizien zufolge fördern solche Antidiabetika die Entstehung von Entzündungen und Entartungen in der Bauchspeicheldrüse, dem Pankreas.

          Ob die sogenannten Inkretin-basierten Therapien tatsächlich solche Komplikationen schüren und, falls ja, wie nachhaltig, lässt sich allerdings noch nicht abschließend beurteilen - und das, obwohl der erste Vertreter dieser Wirkstoffklasse bereits seit acht Jahren auf dem Markt ist. Dass die einschlägigen Fakten noch nicht auf dem Tisch liegen, beruht offenbar auf einem verhängnisvollen Gemisch aus Geheimniskrämerei seitens der Arzneimittelhersteller und behördlicher Behäbigkeit. Dieser Schluss drängt sich zumindest auf, wenn man sich die in mühevoller Kleinarbeit gesammelten Hintergrundinformationen einer Redakteurin des „British Medical Journal“ vor Augen führt (BMJ 2013;346:f3680).

          Ergebnisse liegen in den Datenkellern

          Wie daraus unter anderem hervorgeht, liegen offenbar viele heikle Untersuchungsergebnisse in den Datenkellern der Kontrollinstitutionen begraben. Jedenfalls entdeckte Deborah Cohen in den Dossiers der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA und ihrem europäischen Pendant EMA eine Vielzahl von Datenleichen, die den neuen Medikamenten ein weniger schmeichelhaftes Sicherheitszeugnis ausstellen als das derzeit bekannte. Der Prozess der Wahrheitsfindung scheint dabei von keiner der beteiligten Parteien sonderlich vorangetrieben worden zu sein. Gemäß den Erkenntnissen der britischen Journalistin sind die Arzneimittelhersteller den mehrfach aufgekommenen Sicherheitsbedenken jedenfalls unzureichend nachgegangen und von den Behörden auch nicht dazu gedrängt worden. Unabhängige Wissenschaftler sollen zudem keinen Zugang zu den Rohdaten erhalten haben und daher nicht in der Lage gewesen sein, eigenständige Analysen vorzunehmen.

          Intelligent oder schädlich?

          Wie sehr die jetzt aufflammende Debatte den neuen Antidiabetika schadet, lässt sich noch nicht absehen. Bislang gelten diese als besonders „intelligent“, weil sie - wie ihre natürlichen Vorbilder - den Blutzuckerspiegel von Patienten mit Typ-2-Diabetes, einem „Alterszucker“, auf zweierlei Weise senken: Sie fördern einerseits die Freisetzung des Pankreashormons Insulin, das Blutzucker ins Gewebe schleust. Und andererseits hemmen sie den Botenstoff Glukagon und sorgen auf diese Weise dafür, dass die Leber weniger Zucker ins Blut abgibt. Was die molekularen Angriffsstellen betrifft, bestehen allerdings Unterschiede zwischen den einzelnen Vertretern der neuen Wirkstoffklasse. So ahmen einige - die GLP-1-Agonisten - die Wirkungen der natürlichen Darmhormone nach, während andere - die DPP-4-Hemmer - den Abbau der körpereigenen Inkretine unterdrücken. Beiden Therapiearten gemein ist, dass sie die normalerweise kurz währenden Botschaften der Inkretine sowohl verlängern als auch verstärken. Eins der dabei ausgelösten Signale besteht offenbar in einer Stimulation des Zellwachstums.

          Entzüdete Bauspeicheldrüsen

          Anders als erhofft, scheint sich diese allerdings nicht auf die insulinproduzierenden Zellen zu beschränken, sondern betrifft offenbar auch andere Gewebe der Bauchspeicheldrüse. Ein übermäßiges Zellwachstum berge dabei die Gefahr, dass die Drüsengänge mit der Zeit verstopfen und sich das Pankreas, bedingt durch den Rückstau von Verdauungssäften, in der Folge entzündet. Darauf verweisen Peter Butler von der University of California in Los Angeles und weitere Wissenschaftler im Journal „Diabetes Care“ (doi: 10.2337/dc12-2713). In der Tat deuten viele Beobachtungen darauf hin, dass die neuen Antidiabetika zu einer Vergrößerung und Entzündung der Bauchspeicheldrüse führen. Erst kürzlich haben Forscher der John Hopkins University nach Auswertung der Daten von 2500 Diabetikern festgestellt, dass die hiermit behandelten Patienten mehr als doppelt so oft wegen einer akuten Pankreasentzündung im Krankenhaus versorgt werden mussten wie jene Zuckerkranke, die andere Blutzuckersenker erhalten hatten. (JAMA Intern Med. 2013;173(7): 534-539).

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