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Übergewicht : Ist rund am Ende doch gesund?

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Die amerikanische Yogalehrerin Jessamyn Stanley hat eine umfangreiche Fangemeinde. Hier demonstriert sie die Übung „Nach unten schauender Hund“. Bild: Jessamyn Stanley: “Excerpted from Every Body Yoga“, Workman Publishing 2017

Jedes Kilo zu viel verkürzt das Leben, heißt es immer. Aber es gibt Hinweise darauf, dass ein bisschen mehr auf den Rippen sogar nützt. Das eine oder andere zu beweisen fällt schwer.

          Hüftgold liegt im Trend. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Bundesbürger ist laut einer aktuellen Erhebung des Robert-Koch-Institutes übergewichtig oder fettleibig. Manche finden sich gut so, wie sie sind. Die anderen stürmen gerade im Januar auf die Joggingstrecke oder ins Fitness-Studio, weil sie lästige Pfunde durch Sport und bessere Ernährung verlieren wollen. Etwas Fett trägt jeder gesunde Mensch mit sich herum, so viel steht fest. Es dient als Speicherstoff und bildet eine wärmende Isolierschicht. Zu viel Geschwabbel ist zweifellos ungesund. Doch wo liegt die Grenze zwischen ein bisschen moppelig und gefährlich dick?

          Als halbwegs objektives Maß von Dünn- und Dickleibigkeit hat sich seit langem der Body Mass Index (BMI) durchgesetzt, der als das Verhältnis von Körpergewicht zum Quadrat der Körpergröße berechnet wird. Werte zwischen 18,5 und 24,9 gelten dem Klassifikationsschema der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge als Normalgewicht. Mit 1,80 Metern sollte man demnach zwischen 60 und 81 Kilo wiegen. Niedrigere Werte gelten als Untergewicht, höhere als Übergewicht; ab einem BMI von 30 spricht man von Fettleibigkeit oder Adipositas, ein 1,80-Meter-Mensch würde dann mehr als 97 Kilo wiegen.

          Wie das überschüssige Fett zu Krankheiten führt, ist nicht komplett geklärt

          Aus gängiger medizinischer Sicht ist Adipositas einer der wichtigsten Risikofaktoren für Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen oder Bluthochdruck und gilt damit als eine der Hauptursachen für vorzeitige und vermeidbare Todesfälle in Industriestaaten. Wie genau das überschüssige Fett im Körper diese physiologischen Konsequenzen hervorruft, ist nicht komplett geklärt. „Fettgewebe ist jedenfalls nicht nur ein passiver Kalorienspeicher“, sagt Michael Leitzmann, Direktor des Instituts für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Universität Regensburg: „Vor allem das Viszeralfett im Bauchraum greift als Produzent einer Vielzahl von Hormonen und Botenstoffen aktiv in den Stoffwechsel ein. Auf Dauer verschiebt ein Zuviel davon dessen Gleichgewicht offenbar in Richtung Krankheit.“ Zwar würden die großen Beobachtungsstudien, in denen der statistische Zusammenhang zwischen Adipositas und Volkskrankheiten zutage tritt, noch nichts über Ursache und Wirkung aussagen. Aber zahllose Laboruntersuchungen an Tieren und Zellkulturen hätten diese Zusammenhänge zweifelsfrei belegt.

          Wirklich dick zu sein sei also nicht nur eine Quälerei, sondern zugleich eine Gesundheitsgefahr – darin sind sich Mediziner und Epidemiologen einig. Doch wie steht es um jene 43 Prozent der Männer und 29 Prozent der Frauen in Deutschland, die mit einem BMI zwischen 25 und 30 in die Kategorie „Übergewicht“ fallen? Leiden auch sie an den negativen Folgen ihrer Fettpolster? Oder gilt für sie vielmehr „ein bisschen rund ist gesund“?

          Geringfügig übergewichtig

          Über diese Frage ist in den vergangenen Jahren eine erstaunlich aufgeregte Debatte entbrannt. Los ging es 2005 mit einer Studie, die Wissenschaftler um Katherine Flegal von der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC im „Journal of the American Medical Association“ veröffentlichten. Flegal hatte Zugriff auf die Daten des National Health and Nutrition Examination Survey, einer seit 1971 mehrfach aufgelegten Kohortenstudie, für die Tausende repräsentativ ausgewählter Amerikaner über Jahre hinweg mehrfach nach ihrem Lebensstil befragt und medizinisch untersucht wurden. Für die wirklich Dicken mit einem BMI über 30 kam die Analyse erwartungsgemäß zu einem unschönen Ergebnis: Auf die gesamte Bevölkerung der Vereinigten Staaten und das Jahr 2000 hochgerechnet, waren demnach in der fettleibigen Gruppe im Vergleich zu den Normalgewichtigen rund 112.000 zusätzliche Todesfälle aufgetreten. Untergewicht erhöhte ebenfalls die Sterblichkeit, wenn auch in geringerem Maße. In der Gruppe der bloß geringfügig Übergewichtigen zeigte sich allerdings das Gegenteil: Sie wiesen eine geringere Sterblichkeit auf als der Rest.

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