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Medizinische S3-Leitlinie Wenn die Schulmedizin an ihre Grenzen stößt

Schulmedizin oder Naturheilkunde? Eine längst überfällige S3-Leitlinie gibt Krebspatienten und Onkologen endlich mehr Sicherheit im Umgang mit alternativen Heilverfahren.

Von Hildegard Kaulen

Beliebt und umstritten: Die Mistel, hier Viscum album, als Zulieferer von Bestandteilen einer Krebstherapie.
© Foto Andrew Dunn, Wikipedia
Beliebt und umstritten: Die Mistel, hier Viscum album, als Zulieferer von Bestandteilen einer Krebstherapie.

„Was kann ich selbst tun, um meine Krebsbehandlung zu unterstützen oder Nebenwirkungen zu reduzieren?“ Diese Frage stellen sich fast alle Tumor­patienten. Deshalb greift die Hälfte aller Betroffenen zu komplementär- oder alternativmedizinischen Substanzen, Methoden und Verfahren. Das ge­schieht oft ohne Wissen ihrer Ärzte, die in Deutschland nicht systematisch in Komplementärmedizin aus-, weiter- und fortgebildet werden, sowie ohne Wissen über den tatsächlichen Nutzen und die Risiken der Maßnahmen und ohne eine auf ihre individuelle Krankheitssituation zugeschnittene Empfehlung einer sachkundigen und in onkologischen Fragen bewanderten Person.

Die Schulmedizin hat lange ge­braucht, um auf diese Situation mit einer klaren Orientierungshilfe in Form einer S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Onkologie zu reagieren. Vor wenigen Tagen ist sie erschienen. Die Leit­linie enthält 155 Empfehlungen und Statements, die in der Langfassung auf 630 Seiten ausgerollt werden. Eine Pa­tientenversion ist in Arbeit und wird vermutlich im Herbst erscheinen. An der Formulierung waren 72 Experten aus 46 Fachgesellschaften und Organisationen beteiligt. Koordiniert wurde die Arbeit von Jutta Hübner, Professorin für Inte­grative Onkologie am Universitätsklinikum Jena. Das Geld kam von der Deutschen Krebshilfe über das Leitlinienprogramm Onkologie. Das erklärte Ziel der Leitlinie ist es, allen Ärzten und Berufsgruppen, die an der Behandlung von Tu­morpatienten beteiligt sind, ein Nachschlagewerk an die Hand zu geben, da­mit sie den Krebskranken sinnvolle und evidenzbasierte komplementärmedizinische Maßnahmen empfehlen und die Tu­morpatienten vor schädlichen oder du­biosen Angeboten warnen können. Auch die Patienten sollen bei ihrer Suche nach seriöser Information nicht mehr allein gelassen werden.

Dazu hat die Leitlinienkommission die wichtigsten komplementär- und al­ter­nativmedizinischen Methoden, Ver­fahren und Substanzen, die derzeit in Deutschland genutzt oder den Krebskranken von unterschiedlichsten An­bietern angetragen werden, nach den Kriterien der evidenzbasierten Me­dizin bewertet und in übersichtlichen Tabellen zusammengestellt. Einige sind nach Symptomen geordnet. Dort finden sich Angaben, welche Maßnahmen bei be­stimmten Symptomen empfohlen werden sollen oder können, was nicht empfohlen werden soll und wo­rü­ber es keine ausreichenden Daten gibt und für welche Tumorpatienten und Situationen im Krankheitsverlauf die Empfehlungen gelten. Bei Übelkeit und Erbrechen können nach der Tabelle zum Beispiel Ingwer und Akupressur empfohlen werden, eine Bioenergiefeldtherapie soll nicht empfohlen werden, und über die Wirkung von Yoga gibt es nicht genügend Daten für eine Empfehlung.

Leitlinie schafft Grundlagenwissen

Die Leitlinie enthält Tabellen zur Studienlage und damit zur wissenschaftlichen Evidenz von mehr als 33 me­dizinischen Systemen wie Akupunktur und Homöopathie sowie Verfahren wie Meditation und Tai-Chi. Aufgeführt sind auch Maßnahmen wie Reflextherapie und Sport und einzelne biologische Therapien wie die Einnahme von Vitamin D, Zink oder Mistelpräparaten. Die Leitlinie macht auch deutlich, dass es für viele Maßnahmen kaum wis­senschaftliche Daten gibt. Hinzu kommt, dass viele publizierte Studien nur wenige Teilnehmer und keine Vergleichsgruppen hatten, sodass sich der Unterschied zwischen der Anwendung und der Unterlassung einer Komplementärtherapie nicht beurteilen lässt. Ein großes Manko sieht die Leitlinienkommission auch darin, dass bisher nur wenig über die potentiellen Wechsel- und Nebenwirkungen der komplementär- und alternativmedizinischen Therapien bekannt ist. Sie fordert daher mehr Forschung auf diesem Gebiet.

Die wenigen Studien, die existieren, zeigen, dass wahrscheinlich ein Drittel der Krebskranken mit Wechselwirkungen rechnen muss, bei einem weiteren Drittel sind Wechselwirkungen möglich, wobei das Spektrum vielfältig sein kann. Komplementärmedizinische Subs­tanzen und Verfahren können zum Beispiel die Wirkung der schulmedizinischen Tumortherapie mindern, in­dem sie die Bioverfügbarkeit der verordneten Krebsmedikamente verändern. Sie können auch selbst Nebenwirkungen hervorrufen, die dann oft fälschlicherweise der schulmedizinischen Therapie zugeschrieben werden. Einige der verwendeten Pflanzenwirkstoffe sind sogar in der Lage, Organe unmittelbar zu schädigen.

Komplementärmedizin als eine seriöse Form der Medizin

Die S3-Leitlinie liefert den Ärzten im Anhang der Langfassung auch einen zweiseitigen Fragebogen für das Ge­spräch über die Nutzung komplementär- und alternativmedizinischer Verfahren. Ein Ampelsystem verweist auf die Risiken. Bei Antworten mit einem gelben oder roten Punkt besteht die Gefahr, dass die Maßnahmen zu Wechselwirkungen mit den Krebsbehandlungen führen. Chinesische Kräuter, Isoflavone, ketogene Diäten und entgiftende Verfahren haben zum Beispiel einen roten Punkt. Mit einem grünen Punkt für Unbedenklichkeit sind dagegen Sport, Vitamin D, Salbei und die anthroposophische Me­dizin gekennzeichnet. „Ich würde mir wünschen, dass die Nutzung dieses Fragebogens Teil der Zertifizierungsanforderungen für die deutschen Krebszen­tren wird und die Tumorpatienten die Nutzung dieses Fragebogens aktiv einfordern“, sagt Jutta Hübner. „Denn so ist eine gute und evidenzbasierte Aufklärung möglich. Das Gespräch über den Fragebogen wird sicher auch das Arzt-Patienten-Verhältnis stärken und vielleicht auch der Therapieadhärenz dienen.“

Dem Gespräch mit dem Patienten widmet die S3-Leitlinie ihre ersten sechs Empfehlungen. Demnach sollen Tu­morpatienten bereits am Anfang ih­rer Erkrankung und dann immer wieder nach der Nutzung anderer Verfahren und Substanzen befragt und auf verlässliche Informationsquellen hingewiesen werden. Die Ärzte sollen die Krebspatienten auch über die Kriterien seriöser Angebote informieren – etwa anhand der Liste des von der Deutschen Krebshilfe geförderten Kompetenznetzwerks KOKON. Die Experten sind sich auch einig, dass die Anbieter von komplementärmedizinischen Leistungen onkologisches Wissen besitzen und angebotene Fortbildungen zu den Maßnahmen absolviert haben sollen. Die Anbieter sollen auch Kenntnisse über Wirkweise, Anwendungsgebiete und Grenzen der Maßnahmen besitzen. Die Leitliniengruppe empfiehlt zudem, die Aus-, Weiter- und Fortbildung zu vertiefen.

Jutta Hübner hofft, dass die Leitlinie dazu führen wird, dass die Onkologen die Komplementärmedizin als ein Ge­biet wahrnehmen, das sich auch nach den Kriterien der evidenzbasierten Me­dizin richtet. „Wenn durch diese S3-Leitlinie die Einsicht wächst, dass die Komplementärmedizin eine seriöse Form der Medizin ist, die nach den gleichen Re­geln evaluiert werden kann wie die Schulmedizin und zusätzliche Therapiemöglichkeiten bietet, wäre viel gewonnen. Der Bedarf und das Bedürfnis nach Komplementärmedizin sind groß.Die Onkologen haben mit der Leitlinie jetzt ein Instrument zur Verfügung, mit dem sie die qualitätsgerechte Anwendung der Komplementärmedizin im Sinne einer integrativen Onkologie stärken können. Ich sehe darin eine große Chance.“

Die Kurz- und Langfassung der Leitlinie sind unter https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/komplementaermedizin/ abrufbar.