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Grippeimpfung : Abstand halten und Hände waschen

  • -Aktualisiert am

Grippeimpfung bei Schwangeren: sinnvoller Schutz oder nutzlose Panikmache? Bild: ddp

Sollen sich Schwangere gegen Grippe impfen lassen? Die Bilanz nach der Schweinegrippe ist durchaus positiv, doch was heißt das schon? Was es zu beachten gilt.

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          Der Zeitpunkt ist gut gewählt. In den kommenden Tagen werden die Impfstoffe gegen die Grippe, die saisonale Influenza, an die niedergelassenen Ärzte ausgeliefert. Da kommt die Nachricht gerade recht, dass Schwangere, die den ausschließlich gegen die H1N1-Viren („Schweinegrippe“) gerichteten Impfstoff „Pandemrix“ bis zur 14. Woche erhalten hatten, nicht häufiger Missbildungen ihrer Kinder hinnehmen mussten als solche, die später oder gar nicht geimpft worden sind („Annals of Internal Medicine“).

          Solche Studien sind allerdings nicht neu, sie werden immer wieder zum Anlass genommen, um auf die Unbedenklichkeit von Grippeimpfstoffen für die Frau und ihr Ungeborenes aufmerksam zu machen. Sie bieten zudem die Gelegenheit, die Risiken einer Grippe und so die Dringlichkeit einer Impfung herauszustellen. Das soll auch die Impfbereitschaft erhöhen. Sinnvoll ist das dann, wenn die Kosten-Nutzen-Bilanz für die Grippeimpfung eindeutig ausfällt.

          Dämpfer für Enthusiasmus

          Allerdings sind in den vergangenen Monaten zahlreiche - weniger öffentlich beworbene - Studien erschienen, die den Enthusiasmus für eine Grippeimpfung von Schwangeren erheblich dämpfen. Die Arbeitsgruppe um Jennifer A. Hutcheon von der Universität British Columbia in Vancouver rechnet vor, dass für mögliche Einflüsse einer Grippeimpfung auf den Fötus Studien mit ein bis zweieinhalb Millionen Frauen nötig seien. Allein schon dann, wenn das bakterielle Scheidenmilieu krankhaft verändert ist (Vaginose) oder wenn die Mutter raucht, werden die Ergebnisse so massiv verzerrt, dass eine substantielle Einschätzung der Vorteile und damit auch der Nachteile für den Fötus gar nicht möglich ist („American Journal of Epidemiology“, Bd. 184, S. 227). Die gute Nachricht dieser Zahlenspiele ist aber, dass nur ein Bruchteil der Schwangeren überhaupt in Gefahr ist, während einer Grippesaison infiziert zu werden, nämlich ähnlich wie bei der übrigen erwachsenen Bevölkerung zwischen fünf und zwanzig Prozent.

          Die Schwierigkeiten der Studienkonzeption erklären nicht nur die zahlreichen widersprüchlichen Befunde im Hinblick auf die Risiken, auch der Nutzen lässt sich nicht so eindeutig beziffern, wie dies mitunter dargestellt wird. So bescheinigt der Impfung gegen Influenza H1/N1 eine vor wenigen Wochen in der Zeitschrift „Plos One“ veröffentlichte Studie keinen greifbaren Nutzen. Unter den 117 335 untersuchten Kindern waren 36 033, deren Mütter in der Schwangerschaft geimpft worden waren. Aber die im Mutterleib „mitgeimpften“ Kinder erkrankten später nach ihrer Geburt während der zweiten Welle der Grippe keineswegs seltener als diejenigen, deren Mütter keine Impfung erhalten hatten.

          Fragwürdiger Schutzeffekt

          Die Autoren machen darauf aufmerksam, dass die bisherigen Studien zu Influenzaimpfungen in der Schwangerschaft an vielen methodischen Fehlern leiden, nicht nur im Hinblick auf die zu geringe Teilnehmerzahl. Vielmehr ließen sich auch zahlreiche der beobachteten Impfvorteile schlicht dadurch erklären, dass eher die ohnehin gesundheitsbewussten Schwangeren solche Impfungen wahrnähmen. Diese Frauen vermeiden indes von sich aus schon zahlreiche andere Risiken in der Schwangerschaft und das wiederum erklärt die mitunter besseren Ergebnisse für die Geimpften und ihre Babys. Die Experten verweisen außerdem auf überraschende und wenig verstandene Beobachtungen in einigen Studien, wonach eine Grippeimpfung im Vorjahr die Wirksamkeit einer Grippeimpfung in der aktuellen Saison mindert und umgekehrt eine Grippeimpfung besser anschlägt, wenn im Vorjahr nicht geimpft wurde. Eine solch langfristige Wirkverschlechterung müsse künftig bei der Beurteilung von Grippeimpfungen von Schwangeren weit mehr berücksichtigt werden als bisher, lautet das Fazit.

          Impft euch bitte auch bei  Schwangerschaft

          Zur gleichen Zeit macht eine Arbeitsgruppe der Flinders-Universität im australischen Adelaide darauf aufmerksam, dass von vorneherein nur etwa die Hälfte der Schwangeren sich überhaupt einen Schutzeffekt für ihr Kind von einer Grippeimpfung erhoffen dürften - und dies im günstigsten Falle, wie es in der Zeitschrift „Human Vaccines & Immunotherapeutics“  heißt. Damit teilt die Influenzaimpfung von Schwangeren das Schicksal der Grippeimpfungen bei anderen Risikogruppen: Auch bei älteren Menschen, bei solchen mit einer Abwehrschwäche nach Transplantation oder unter Einnahme von Medikamenten wegen Autoimmunkrankheiten wie chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Schuppenflechte oder Rheuma, lässt der Schutz einer Grippeimpfung deutlich zu wünschen übrig. Was im Umkehrschluss bedeutet: Bei Personen, die am meisten von einer solchen Impfung profitieren könnten, wirkt sie am schlechtesten. Es sei, so schlussfolgern daher viele Experten, noch viel Luft nach oben, um endlich statt einer Gießkannenimpfung gegen die saisonale Grippe, gezielt solche zu entwickeln, die besser auf die Bedürfnisse der Risikogruppen zugeschnitten seien.

          Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Frauen, sich zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft gegen Influenza impfen zu lassen. Die Ständige Impfkommission in Deutschland legt den Schwangeren nahe, sich er erst vom zweiten Schwangerschaftsdrittel an impfen zu lassen. Dies geschieht jedoch allein aus psychologischen Gründen, da im ersten Drittel der Schwangerschaft die Rate an Fehlgeburten höher ist und so ein beunruhigender Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Abort hergestellt werden könnte.

          Für Schwangere, die an bestimmten Krankheiten leiden, etwa chronischen Atembeschwerden oder einem Diabetes, gilt auch hierzulande die Impfempfehlung für die gesamte Schwangerschaft. Um eine Ansteckung zu vermeiden, rät das Robert Koch-Institut als Antwort auf häufig gestellte Fragen zur Grippe: Abstand halten zu Infizierten und vor allem regelmäßiges und gründliches Händewaschen.

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