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Tuberkulose : Eine Geißel kehrt zurück

  • -Aktualisiert am

Die Krankheit schien schon besiegt, doch von Russland aus ist die Schwindsucht wieder auf dem Vormarsch. Durch den modernen Flugverkehr wird Tuberkulose mehr denn je zu einem globalen Problem. Ein FAZ.NET-Spezial.

          7 Min.

          Alexey Kuzmin hat sie, die gehörige Portion Optimismus, die man als Arzt in einer Moskauer Tuberkuloseklinik braucht. „Ich bin immun gegen die Tuberkulose. Und damit das auch so bleibt, esse ich viel, vor allem viel Fleisch“, sagt der junge, etwas lethargisch wirkende Pulmologe, dessen Körper von der Effektivität seiner persönlichen Diät zeugt. „Damit unsere Abwehrkräfte stark bleiben, haben wir hier außerdem nur Sechs-Stunden-Schichten und mehr Urlaub als die Kollegen auf anderen Stationen“, fügt er in gebrochenem Englisch hinzu. Und so führt Kuzmin, nur durch seinen Arztkittel geschützt, durch die Klinik des Zentralen Tuberkulose-Forschungsinstituts in Moskau (CTRI), gefolgt von seinen mit grünem Wegwerfkittel, Haarnetz, Schuhüberziehern und Atemschutzmaske vor einer möglichen Tröpfcheninfektion behüteten Besuchern.

          Viele seiner Patienten auf der Erwachsenenstation im dritten Stock eines der allgegenwärtigen Plattenbauten kommen von weit her, um sich in der russischen Hauptstadt behandeln zu lassen. So auch die drei Frauen aus Dagestan in Zimmer fünf, die seit Monaten die belastende Therapie mit täglich zwölf Tabletten verschiedener Antibiotika über sich ergehen lassen. Die Mutter und ihre beiden Töchter haben sich ihr Zimmer mit Postern an der Wand verschönert. Zwischen Teekocher, Geschirr und Plastik-Wasserflaschen steht auf dem Tisch das unvermeidliche Set aus TV-Gerät und DVD-Spieler, das für Ablenkung vom tristen Klinikalltag sorgt.

          Tückisch unauffällige Symptome

          Wie so oft, wenn Menschen in beengten Verhältnissen leben, hat die Tuberkulose (Tbc) im Familienkreis zugeschlagen: Als erstes hatte sie die Mutter erwischt, die dann ihre Töchter ansteckte. Mit ihrem bleichen, eingefallenen Gesicht und den graublonden, von einem Kopftuch zusammengehaltenen Haarsträhnen wirkt die Frau allerdings mehr wie die Großmutter der beiden jungen, vergleichsweise gesunden Frauen. „Sie sieht aus wie 70, dabei ist sie erst Anfang vierzig“, sagt Kuzmin. „Die Krankheit war schon weit fortgeschritten, als sie zu uns kam.“

          Die Tuberkulose ist in Russland auf dem Vormarsch

          Zu lange hatte die Frau die Anzeichen ignoriert. Die frühen Symptome einer Tuberkulose sind allerdings auch für den Fachmann nicht leicht zu erkennen: Mattigkeit, leichtes Fieber, Hüsteln und Nachtschweiß können eben auch Anzeichen einer harmlosen Erkältung sein. Und wenn sich erst Blut im Sputum, dem schleimigen Auswurf Tbc-Kranker, zeigt, haben sich die sprichwörtlichen „Motten“ meist schon tief in das Lungengewebe gefressen.

          Fraßlöcher im Brustkorb

          So auch bei dem ebenfalls aus dem Kaukasus stammenden Mann, der das nächste Zimmer alleine bewohnt. Ihm verbleiben gerade mal 20 Prozent seiner Atemkapazität, der Rest ist Opfer der Motten geworden, deren Fraßlöcher auf den Röntgenaufnahmen seines Brustkorbs auch für den Laien kaum zu übersehen sind. „1998 wurde bei ihm erstmals eine bereits fortgeschrittene Tbc festgestellt, inzwischen ist der linke Lungenflügel völlig zerstört“, fasst sein Arzt zusammen.

          Wie die meisten Patienten am auf schwere Fälle spezialisierten CTRI ist der etwa Fünfzigjährige das Opfer eines mehrfach resistenten Tbc-Stammes. Als „multidrug resistant“ (MDR) bezeichnet man Stämme von Mycobacterium tuberculosis, die nicht mehr auf die beiden wichtigsten Tbc-Antibiotika Isoniazid und Rifampicin reagieren. Oft kommen weitere Resistenzen gegen die verbleibenden drei bewährten Tuberkulostatika hinzu.

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