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Tuberkulose der Rinder : Die vergessene Krankheit

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Allgäuer Braunvieh Bild: dpa

Im Allgäu und in Norddeutschland tritt die Rindertuberkulose wieder auf. Noch vor fünfzig Jahren wusste jedes Kind, dass man sich durch rohe Milch ansteckt. Jetzt greift eine neue Sorglosigkeit um sich.

          7 Min.

          Ein klarer Abend im Herbst, irgendwo in Norddeutschland. Der Bauernhof liegt direkt an einer Landstraße, auf der Berufstätige aus der nahegelegenen Stadt zurück nach Hause fahren, in ihre ländlichen Vororthäuschen. Nicht wenige stoppen plötzlich und biegen in einen holprigen Weg ein, auf den Schilder hinweisen: „Frische Milch vom Hof“. Dem Betrieb etwas vorgelagert steht ein Häuschen mit dem Schild „Milchtankstelle“, darin ein silberglänzender Automat, eine Küchenbank zum Ausruhen, eine Spüle und leere Milchflaschen. Für siebzig Cent sprudelt ein Liter kalte, rohe Milch von den Schwarzbunten des Betriebs aus einem Hahn. Ein Zettel in Klarsichthülle klebt am Automaten: „Rohmilch vor dem Gebrauch abkochen!“ steht da. Darunter werden zwar Paragraphen zitiert, aber trotzdem bleibt unklar: Ist das wirklich eine Vorschrift oder eher ein guter Rat? Immerhin stehen in einem Regal zwischen Spüle und Automat nicht nur leere Literflaschen mit Schraubdeckeln, sondern auch Becher und Gläser. Wie viele müde Städter wohl an diesem für die Jahreszeit warmen Abend nicht nur eine Flasche für zu Hause abfüllen, sondern auch rasch ein kühles Glas frische Milch hinunterstürzen?

          Der Rohmilchverzehr boomt, mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem man in Deutschland begonnen hat, Milch durch Pasteurisierung zu entkeimen. Nicht nur das Naturerlebnis wie zwischen den norddeutschen Dörfern im genannten Beispiel lockt die Verbraucher, es sind auch Käsespezialitäten wie Camembert de Normandie, Roquefort oder Allgäuer Emmentaler, die man nur mit unerhitzter Milch herstellen kann. Vergessen sind die Gründe, warum man das Erhitzungsverfahren im Jahr 1947 flächendeckend einführte.

          Vor allem Kinder betroffen

          Pasteurisiert man die Milch, werden Keime abgetötet, die vom Rind auf den Menschen überspringen können. In den Jahren nach dem Krieg zielte man vor allem auf einen Erreger ab: Mycobacterium bovis, den Erreger der Rindertuberkulose. Er gehört zum Mycobacterium-tuberculosis-Komplex, zu den Keimen, die beim Menschen Tuberkulose auslösen können. In den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren zehn Prozent aller menschlichen Tuberkulosen durch den Erreger vom Rind verursacht. Jährlich starben etwa tausend Menschen an der Zoonose. Unter den tuberkulosekranken Kindern war sogar die Hälfte mit dem Keim vom Rind infiziert.

          Das Pasteurisieren der Milch war ein wichtiger Teil einer Doppelstrategie, mit der es in den fünfziger Jahren gelang, die Seuche in Deutschland langfristig zurückzudrängen. Die zweite Säule der Strategie war das Testen aller Bestände auf Tuberkulose und das Keulen infizierter Rinder. Man betrieb dieses Programm jahrzehntelang so konsequent, dass die Bundesrepublik 1997 von der WHO offiziell für frei von Rindertuberkulose erklärt wurde. Seitdem hat man die regelmäßigen Kontrollen eingestellt. Nur noch auf dem Schlachthof werden die Organe der Tiere inspiziert. Noch heute erinnern an manchen alten Rinderställen Schilder an das Programm: „Staatlich anerkannter tuberkulosefreier Bestand“ steht in längst verblasster Schrift darauf.

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