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Traumatherapie : Die Angst tilgen

Strukturformel der beiden Enantiomere von Propranolol Bild: Jürgen Martens

Ein gut bekannter Betablocker könnte sich für pharmakologische Therapien von Traumapatienten eignen: Experimentreihen niederländischer Forscher zeigen, dass sich Angstreaktionen mit ihm beeinflussen lassen.

          3 Min.

          Bei diesem faszinierenden Befund weist man besser zuerst darauf hin, was er nicht, oder jedenfalls noch nicht, bedeutet: Er zeigt nicht, dass man traumatische Erinnerungen mit einer einzigen Pille auslöschen kann, dass sich böse Gedanken im Handstreich eliminieren lassen oder auch nur alte seelische Wunden auf die Schnelle wird heilen können. All das haben der Amsterdamer Psychologe Merel Kindt und ihre Kollegen nicht gezeigt, auch wenn in der Ankündigung ihrer Veröffentlichung in „Nature Neuroscience“ (doi: 10.1038/nn.2271) vom „Auslöschen angstauslösender Erinnerungen“ die Rede ist.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Und dennoch ist das, was die niederländischen Psychologen in einer Reihe von Experimenten mit sechzig – gesunden – Probanden vorgeführt haben, alles andere als belanglos für Ärzte, Therapeuten und Angstpatienten. Denn sie haben am Menschen nachvollzogen, was schon vor gut vier Jahren an Ratten erprobt und wegen der spektakulären, die Seelengesundheit ebenso wie die Fragen der individuellen Persönlichkeit und die aufkeimende „Neuro-Ethik“ betreffenden Ergebnisse für Aufsehen gesorgt hatte.

          Ein pharmakologisches Konzept

          Es geht um die gezielte Manipulation des Angstgedächtnisses. Und noch dazu um ein ausgesprochen einfach klingendes Rezept. Vierzig Milligramm eines Betablockers – Propranolol –, eines der ältesten und bekanntesten Betablocker zur Senkung von Blutdruck und Pulsfrequenz, soll genügen, die Angst, ja auch die Panik auslösenden Gedanken von Traumapatienten zu eliminieren. Was das allein für die oft schwierige Behandlung von seelisch schwer geschädigten Kindern, Unfallopfern, Zeugen und Kriegsversehrten mit posttraumatischer Belastungsstörung bedeuten könnte, lässt sich nicht hoch genug schätzen.

          Geht es also schon um eine Indikationserweiterung für Betablocker in der Psychotherapie? Sicher nicht. Die Experimente der niederländischen Forscher haben aber ein pharmakologisches Konzept aufgezeigt, das die klassischen psychotherapeutischen Ansätze, die Verhaltenstherapie etwa, sinnvoll ergänzen könnte.

          Abklingende Angst

          In den Versuchen haben Kindt sechzig Freiwillige – 17 Männer und 43 Frauen – vor dem Bildschirm darauf trainiert, Bilder mit Spinnen zu betrachten. Die Bilder waren mit einem unangenehmen Elektroschock am Handgelenk gepaart, so dass schon auf das bloße Zeigen der Spinnenfotos die Schreckreaktionen folgten. Die Probanden lernten Furcht vor dem Bild. Am nächsten Tag wurde diese künstlich erzeugte Angst reaktiviert. Anderthalb Stunden vor Versuchsbeginn nahm ein Teil der Testpersonen die Pille mit dem Betablocker ein. Doch alle reagierten gleich. Sobald dieselben Spinnenbilder wieder gezeigt wurden, die sie nun mit dem unangenehmen Erlebnis des Stromschlags assoziierten, kam die Furcht wieder hoch. Diesmal und in den folgenden Versuchen wurden die Bilder mit einem kurzen, lauten Geräusch gepaart, um so das Blinzeln der Probanden als Ausdruck der Angst verfolgen zu können. Tatsächlich blinzelten alle heftig.

          Weitere vierundzwanzig Stunden später jedoch war alles anders. Den Probanden wurde zuerst die Angst allmählich genommen. Ihnen wurden die Spinnenbilder – ohne Elektroschocks – abermals gezeigt. Während aber diesmal die Kontrollpersonen, die keinen Betablocker erhalten hatten, weiterhin deutliche Furcht an den Tag legten, die sich auch kaum legte, reagierten die medikamentös behandelten Versuchspersonen extrem gelassen. Mehr noch. Bei ihnen die Angst neu zu erzeugen, indem die Spinnenbilder wieder mit Elektroschocks gepaart wurden, war quasi wie ein Neustart des Experimentes. Als hätten die Probanden niemals zuvor die Angsterfahrung gemacht.

          Blockademechanismus nicht bekannt

          Entscheidend dabei war: Sie wussten zwar sehr genau, dass auf die Spinnenfotos ein Elektroschock folgt, aber offensichtlich hatten sie keine Furcht mehr davor. Mit anderen Worten: Nicht die Erinnerung an das Erlebte selbst ging verloren – die Probanden erwarteten tatsächlich den Stromschlag. Aber das damit verbundene Angstgefühl war nach der Betablockerpille fast komplett verschwunden. Ein Rückfall in die Angst war zumindest eine Zeitlang verschwunden.

          Wie Propranolol diese Blockade erzeugt, weiß man nicht. Aus früheren Experimenten ist zumindest klar, dass Betablocker in einer Hirnregion namens Amygdala auf die beta-adrenergen Rezeptoren einwirkt. Möglicherweise blockiert der Wirkstoff dort die Herstellung von Proteinen, die für den Wiederaufruf des Angstgedächtnisses ad hoc nötig sind. So spekuliert jedenfalls Kindt. Tatsächlich gilt spätestens seit vergangenem Jahr, als Schweizer und amerikanische Forscher über die neuronalen „Ein- und Ausschalter der Angst“ („Nature“, Bd. 454, S. 600) berichteten, die Rolle der Amygdala beim Entstehen und Verschwinden von Angstgefühlen als gesichert. Das im Hippocampus angesiedelte deklarative Gedächtnis, das die Erinnerung an das angstauslösende Ereignis speichert, wird also möglicherweise von den Betablockern gar nicht erreicht. Aber welche Vorgänge nun tatsächlich in der Amygdala ablaufen, wie nachhaltig und selektiv das Auslöschen des emotionalen Gedächtnisses ist – und mit welchen Nebenwirkungen auch –, solche Fragen müssen erst noch beantwortet werden.

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