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Transplantationsmedizin : Schweine, wollt ihr ewig leben?

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Idee, menschlichen Kopf zu verpflanzen

Man kann das im Nachhinein für medizinischen Größenwahn halten. Aber Robert White war beileibe kein Stümper, sondern vierfacher Ehrendoktor, Autor von rund neunhundert Veröffentlichungen und einer der berühmtesten Chirurgen seiner Zeit. Als gläubiger Katholik und Ritter des Ordens vom Heiligen Grab beriet er Papst Johannes Paul II. in Fragen der Bioethik. Noch im hohen Alter räsonierte er in aller Öffentlichkeit darüber, dass es, die nötigen finanziellen Mittel vorausgesetzt, sehr wohl möglich wäre, die Häupter von gelähmten Patienten wie dem Astrophysiker Stephen Hawking oder dem Schauspieler Christopher Reeves auf einen neuen Körper zu transferieren. Bis heute verfolgt wird dieser Plan vom italienischen Arzt Sergio Canavero, der bereits mehrfach angekündigt hat, die erste Kopftransplantation am Menschen vorzunehmen. Ende 2017 sollte sie stattfinden, doch sein aussichtsreichster Kandidat, der an einer seltenen Muskelkrankheit leidende Programmierer Waleri Spiridonow, ist inzwischen abgesprungen.

Und doch ist nicht alles verwerflich an dem Gedanken, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Ganz ähnliche Apparate wie Nenad Sestans BrainEx-Maschine sind heute schon bei Notfällen im Einsatz. Wenn das Herz nicht mehr pumpt und das Hirn nicht mehr versorgt wird, können Ärzte das Blut absaugen und künstlich mit Sauerstoff versehen. „Extrakorporale Membranoxygenierung“ nennt sich das, und einige Rettungswagen sind bereits mit entsprechenden ECMO-Geräten ausgestattet. Herzchirurgen der Universitätsklinik Freiburg haben die Technik noch ein Stück weit verbessert. Ihr „kontrolliertes integriertes Reanimationsgerät“ (CIRD) bremst den drohenden Kollaps des Patienten durch Gabe von Medikamenten, Sauerstoff und Nährstoffen. Gleichzeitig übernimmt es die Funktion der ausgefallenen Organe Herz und Lunge. Vom Prinzip her gleicht das der Arbeitsweise der amerikanischen Maschine. Mit einem großen Unterschied: Das Ziel besteht nicht darin, ein totes Gehirn wieder aufzuwecken. Sondern darin, sein Sterben von vornherein zu verhindern.

Das Thema der Wiederauferstehung des Geistes ist und bleibt einstweilen der Religion vorbehalten. Für den, der darin keine Hoffnung sieht, blieb bislang nur die Möglichkeit, sich einfrieren zu lassen mit der kaum begründeten Aussicht, die Medizin würde eines Tages imstande sein, die Angelegenheit rückgängig zu machen. Neuerdings gibt es dazu eine abstraktere Variante. Die amerikanische Firma Nectome arbeitet daran, den Denkapparat einzubalsamieren, um dann eines nicht zu fernen Tages das sogenannte Konnektom, also die Gesamtheit aller Nervenverknüpfungen, auszulesen und im Computer nachzubilden. Wer auch daran nicht glaubt, der findet Trost noch bei Epikur: Der Tod geht uns nichts an, befand der griechische Philosoph, denn solange wir existieren, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir es nicht mehr.

Die Recherche wurde unterstützt vom deutschen Science Media Center.

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