https://www.faz.net/-gwz-9m5qx

Transplantationsmedizin : Schweine, wollt ihr ewig leben?

  • -Aktualisiert am

Dann wären sie vielleicht auch auf Versuche gestoßen, die Konstantin-Alexander Hossmann, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln, vor fast fünfzig Jahren begonnen hatte. An Katzen und Rhesusaffen demonstrierte er damals, was passiert, wenn man eine Stunde lang durch Abklemmen der Arterien die Blutversorgung zum Hirn unterbindet. Das EEG fiel erwartungsgemäß auf Null, doch nach Aufhebung der Blockade zeigte sich bei vielen Tieren Stunden später erneut eine messbare Nervenaktivität. Ob es dabei allerdings zu einer Reanimation wichtiger Gehirnfunktionen kam, ist in der wissenschaftlichen Literatur umstritten; Hossmann selbst beschrieb 1987 im „Journal of the Neurological Sciences“ immerhin den Fall einer Katze, die sich in den darauffolgenden Wochen sogar so weit berappelte, dass sie wieder fressen konnte, ihr Fell putzte und ein paar wacklige Schritte hinbekam.

Künstliche Beatmung verlängert im tiefsten Koma Leben

Aus heutiger Sicht klingen solche Tierversuche vielleicht grausam. Aber die Medizin stand damals vor der Frage, jenen Moment im Sterbeprozess zu definieren, von dem an eine Reanimation sinnlos erscheint. Mit Beatmungsmaschinen und anderen modernen Geräten ließ sich das Leben zunehmend verlängern, selbst wenn der Patient im tiefsten Koma lag. Doch schon 1959 hatten französische Wissenschaftler nachgewiesen: Von selbst erwacht ein totes Gehirn nicht mehr. Auch Maschinen bewirken keine Wunder. Und je später nach einem Herzstillstand wiederbelebt wird, desto gravierender sind die neurologischen Schäden.

Dass einzelne Nervenzellen oder -inseln überleben, hat nur wenig zu sagen. Als Grenze zwischen Leben und Tod ist deshalb nicht der Endzustand definiert, an dem die letzte Zelle im Schädel den Geist aufgibt. Sondern der Zeitpunkt, von dem an das Organ unwiederbringlich funktionsunfähig geworden ist. Dazu wurden in den vergangenen Jahrzehnten Kriterien entwickelt, an die sich vor allem auch die Transplantationsmediziner halten müssen, wenn sie dem künstlich am Leben gehaltenen Patienten Organe entnehmen wollen. Zunächst müssen Ursache und Ort des Schadens gefunden werden, der ins Koma geführt hat. In der Regel dienen dazu ein Computertomogramm oder andere Geräte. Auch ein Scheintod durch Medikamente muss ausgeschlossen werden. Dann werden Reaktionen überprüft, die selbst im Zustand der Bewusstlosigkeit noch funktionieren: Reflexe auf Licht, Schmerz und Sauerstoffmangel zum Beispiel. Dies alles immer von zwei Ärzten, unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten, die mindestens zwölf Stunden auseinanderliegen müssen. Dann erst gilt die Diagnose eines Hirntods als sicher. Daran ändere auch die neue Nature–Studie kein bisschen, sagt Dag Moskopp, Chefarzt an der Vivantes-Klinik für Neurochirurgie in Berlin. Irreversibel hirntot sind Nenad Sestans Schweinehirne geblieben, da half auch keine BrainEx-Maschine.

Methodisch knüpft das Schweineexperiment an eine fragwürdige Tradition an, die mehr als hundert Jahre zurückreicht. 1908 hatte der französische Operateur Alexis Carrel den Versuch unternommen, den Kopf eines Hundes zu verpflanzen. Das transplantierte Tier gab noch ein paar Zuckungen von sich und verschied. Für seine Verdienste um die experimentelle Chirurgie wurde Carrel vier Jahre später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Eine Zeitlang kamen Untersuchungen an isolierten Hirnen in Mode. Es wurden verschiedene Methoden erprobt, sie am Leben zu erhalten, bis sich herausstellte, dass dies wenig zum Verständnis des Denkapparates und noch weniger zum Fortschritt der Medizin beitrug. Von allen Einwänden unbeirrt, zeigte sich auch der amerikanische Neurochirurg Robert Joseph White. Unermüdlich schnitt er Hunden und Rhesusaffen die Köpfe ab, bis ihm 1970 an der Case Western University in Cleveland endlich eine Verpflanzung glückte. Der betreffende Affe war vom Nacken abwärts gelähmt, konnte aber noch hören, riechen, seine Augen bewegen und biss, kaum dass er aus der Narkose erwachte, einem Assistenten in den Finger. Neun Tage hielt das Tier in diesem bedauernswerten Zustand durch, dann brach sein Immunsystem zusammen.

Weitere Themen

LiFi - Das Internet aus Licht Video-Seite öffnen

Erklärvideo : LiFi - Das Internet aus Licht

Li-Fi - das ist das Kürzel für „Light Fidelity“ und meint die drahtlose Datenübertragung per Licht. Sie funktioniert über ganz normale LEDs. Und wenn das Licht ausgeht, gibt's auch kein Netz. Die Technik ist nahezu alltagsreif.

Topmeldungen

Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.