https://www.faz.net/-gwz-9m5qx

Transplantationsmedizin : Schweine, wollt ihr ewig leben?

  • -Aktualisiert am

Schweinehirne zeigten Lebenszeichen, aber kein Bewusstsein

So konsumierten sie zum Beispiel Sauerstoff und Glukose und schieden Kohlendioxid aus, wie es lebende Hirnzellen normalerweise tun. Die Blutgefäße erweiterten sich nach Gabe von Medikamenten, die eben das bewirken sollen. Die Forscher entnahmen Gewebeproben und konnten zeigen, dass dessen Neuronen nach entsprechender Stimulation elektrische Signale austauschten. Das Sterben der Gehirnzellen nach Sauerstoffmangel sei offenbar ein schrittweiser Prozess, der viel länger dauere als bisher angenommen, folgert Nenad Sestan. Bis zu einem bestimmten Punkt könne man ihn jetzt umkehren. Ob man damit allerdings auch normale Hirnfunktionen wiederherstellen könne, wisse er nicht – das sei nicht Ziel seiner Experimente gewesen.

Tatsächlich deutet nichts in der Studie darauf hin. Das nackte Schweinehirn zeigte im Elektroenzephalogramm (EEG) keinerlei Anzeichen einer Regung, sondern eine Nulllinie. Das ist sonst nur bei Toten oder während einer sehr tiefen Narkose der Fall. Von Wahrnehmung oder gar Bewusstsein kann in einem solchen Zustand keine Rede sein. Allerdings enthielt die verwendete Perfusionslösung auch Betäubungsmittel. „Hätten wir zu irgendeinem Zeitpunkt Anzeichen einer organisierten Gehirnaktivität gesehen, hätten wir das Experiment sofort abgebrochen“, behaupten die Forscher. Von irgendeiner Ethikkommission diktiert war das freilich nicht. Deshalb stellt sich die Frage, was der Zweck dieser Vorsichtsmaßnahme war. Warum sollte sich ein Experimentator freiwillig derart enge Grenzen setzen? Wenn er doch eventuell ein viel spektakuläreres Resultat erzielen könnte? Aus Mitleid mit dem Untersuchungsgegenstand? Oder aus Furcht vor einem Shitstorm, der angesichts der Horrorvorstellung eines isoliert leidenden Säugetiergehirns zweifellos niedergehen würde? Wer je im Labor gestanden und mit Material aus dem Schlachthof gearbeitet hat, wird eher Letzteres vermuten.

Kritiker wie Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin der Universitätsklinik Köln, glauben ohnehin nicht daran, dass die Möglichkeit bestanden hätte, die armen Schweine im Geiste wiederzubeleben: „Nach vier Stunden ohne Sauerstoff sind höhere Hirnfunktionen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu erwarten“, sagt er als erfahrener Notfallmediziner. Es wäre also gar nicht notwendig gewesen, anschließend Betäubungsmittel zu verabreichen. Es lassen sich noch andere Kritikpunkte finden. Einer davon lautet: Für die Praxis in der Notfallmedizin sagt das Experiment allein schon deshalb nichts aus, weil es unter sehr speziellen Bedingungen stattfand am herauspräparierten Gehirn, das eisgekühlt und gründlich vom Blut befreit wurde, um jede Art von Verklumpung zu vermeiden, wie sie sonst unweigerlich eintreten würde. Außerdem bringe der Artikel in Nature nichts wirklich Neues, sagt Ulrich Dirnagl, Direktor der Abteilung Experimentelle Neurologie der Berliner Charité; es sei erstaunlich, dass er überhaupt den Review-Prozess überstanden habe. Seit Jahrzehnten wisse man, dass bestimmte Gehirnzellen im Labor mehr als 24 Stunden ohne jede Sauerstoffzufuhr unbeschädigt überstehen. Nach sechs Stunden Beobachtungszeit, wie in der Studie, sähen sie noch völlig normal aus, ein Phänomen, das als „delayed neuronal vulnerability“ bezeichnet wird und schon intensiv erforscht wurde. „Wenn man nur ein paar Stunden wartet, sieht man es nicht“, sagt Dirnagl. Den Autoren und Gutachtern hätte ein bisschen Literaturstudium wohl nicht geschadet.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.