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Transplantationsmedizin : Die Patientenrechte müssen gestärkt werden

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Lebertransplantation im Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Wie kann die Transplantationsmedizin hierzulande nach dem großen Skandal fortbestehen? Neue Hinweise geben die Politikempfehlungen der Leopoldina. Ein Gespräch mit Jörg Rüdiger Siewert, Mitautor des Positionspapiers.

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          Herr Siewert, vor wenigen Wochen hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein Positionspapier zur Transplantationsmedizin veröffentlicht - mit sehr konkreten Empfehlungen an die Politik. Zeichnet sich ab, dass ein Prozess in Gang gesetzt wird, wie er gewünscht ist?

          Dieses Papier soll in erster Linie zur Diskussion anregen. Die Autoren haben darin ihre Schlussfolgerungen, die Quintessenz eines Symposions mit etwa dreißig Experten aus ganz unterschiedlichen Disziplinen -, darunter transplantierende Ärzte, Medizinethiker, Juristen, Journalisten - zusammengefasst. Ein konkretes Echo aus der Politik hat mich bis jetzt noch nicht erreicht. Aber wir hatten den Eindruck, dass einige unserer zentralen Überlegungen in dem Urteil, das Anfang Mai im Transplantationsskandal vom Landgericht Göttingen gesprochen wurde, aufgegriffen worden sind.

          Jörg Rüdiger Siewert, leitender Ärztlicher Direktor der Uniklinik Freiburg, ist Viszeralchirurg und seit 1993 Mitglied der Leopoldina

          Der Göttinger Transplantationsmediziner Aiman O. wurde Anfang Mai freigesprochen. Die Richter bezogen sich unter anderem auf einen Aspekt, der auch den Experten der Leopoldina wichtig erscheint: Dass von Empfängern einer Leber erwartet wird, vor der Transplantation sechs Monate alkoholabstinent gewesen zu sein, gilt als verfassungswidrig.

          In dem Urteil spielte darüber hinaus auch die generelle Frage der Patientenrechte eine Rolle, ebenfalls ein Thema, das für uns sehr wichtig war: Was bleibt einem Patienten, der nicht auf die Warteliste gesetzt oder aus medizinischen Gründen wieder von der Liste genommen wird, wenn er seine Rechte durchsetzen möchte? Wir haben lange darüber gesprochen, dass ein Rechtsschutz für diese ganz besonders fragile Patientengruppe im derzeitigen System faktisch nicht möglich ist und wie ein solcher Rechtsschutz konkret ausgestaltet werden könnte. Eine unserer Empfehlungen ist, dass man eine spezielle Kammer installiert und sie beauftragt, solche Streitfälle zu bearbeiten - mit juristischem wie medizinischem Sachverstand und vor allem zeitnah. Ein normales Gerichtsverfahren, das zwei, drei Jahre dauern kann, ist zu langwierig für die schwerkranken Betroffenen.

          Die Autoren des Positionspapiers schreiben, dass die Bundesärztekammer als Organ der ärztlichen Selbstverwaltung ein Legitimationsproblem hat, wenn sie die Transplantationsmedizin überwacht. Wie sollte die Entflechtung aussehen?

          Wir schlagen die Einrichtung einer neutralen und unabhängigen Einrichtung vor, welche mit der umfassenden Organisation und auch Qualitätskontrolle der Transplantationsmedizin betraut werden soll. In diesem überregionalen halbstaatlichen Institut würde die Transplantationsmedizin beobachtet, überwacht und kontrolliert. Es würden zum Beispiel Wartelisten überprüft und Kriterien für die Ernennung zum Transplantationszentrum aufgestellt. Es spricht nichts dagegen, dass die Bundesärztekammer sich inhaltlich in die Arbeit eines solchen Instituts einbringt und auch ihre Vorstellungen in die Konstitution der Einrichtung miteinbringen könnte.

          Sie haben ja auch schon Vorschläge gemacht, in welcher Weise sich die Bundesärztekammer weiter beteiligen könnte: mit der Erarbeitung evidenzbasierter Leitlinien. Welche Fragen müssten für diese Leitlinien vor allem überprüft werden?

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