https://www.faz.net/-gwz-90op3

Tollwut : Ein Grund, das Fürchten zu lernen

Damit die Tollwut nicht heimlich zurückkehrt, weil sie etwa durch kranke Tiere eingeschleppt wird, sind außerdem regelmäßige Kontrollen nötig. Am Friedrich-Loeffler-Institut als dem Referenzzentrum der Weltgesundheitsorganisation baut man inzwischen eine Datenbank für das Überwachungsprogramm in Europa aus, die einmal als „Blueprint“ für andere Regionen der Welt herhalten soll. Auch einige Projekte, die zuvor innerhalb eines nationalen Forschungsverbundes zur Tollwut angefangen wurden, setzt man auf der Insel Riems fort. Offen ist zum Beispiel noch immer die Frage, was ausgerechnet RABV, also den Erreger der klassischen Tollwut, für einen Wirtswechsel prädestiniert: „Die Viren springen relativ leicht vom Hund auf Füchse über, wie es bei uns etwa vor dem Zweiten Weltkrieg geschah und erst vor wenigen Jahren in der Türkei“, sagt Thomas Müller. 2009 kam es dort zu einem sogenannten Host-Shift, durch den dort nun zwei verschiedene Infektionszyklen existieren. Auf molekularer Ebene wollen die Forscher deshalb herausfinden, wie solche Speziesbarrieren überschritten werden.

Globale Verbreitung

Abgesehen von der Antarktis und ein paar wenigen Inseln kommen Tollwutviren heute praktisch überall vor. Sie sind nicht auf irgendwelche Arthropoden als Überträger angewiesen wie andere Mitglieder aus der Familie der Rhabdoviridae und gut an verschiedene Säugetierwirte angepasst. Sechzehn Arten sind zu unterscheiden, rechnet man die beiden Neuentdeckungen zuletzt in Spanien und Sri Lanka dazu. Ihren Anfang nahm diese Vielfalt sehr wahrscheinlich in Fledermäusen. Ob das in Afrika oder aber nördlich der Tropen in der „paläarktischen Region“ geschah, steht noch zur Diskussion. Letzteres legt eine genetische Analyse von 153 Viren nahe, deren Proben zwischen 1954 und 2015 weltweit eingesammelt wurden. Der Ende 2016 in „PLoS Neglected Tropical Diseases“ veröffentlichte Stammbaum lässt annehmen, dass die Viren eher von außen in die afrotropische Zone eindrangen. Bestimmte Fledermausarten haben dabei eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von einem Kontinent zum anderen gespielt, auch die Verbreitung nach Osten ließ sich erkennen. Und die alte Frage, ob RABV schon vor den Europäern und ihren Hunden nach Nordamerika gelangte, wo sogar Fledermäuse mit diesen für Menschen besonders gefährlichen Erregern infiziert sind, beantwortet diese Studie aufgrund der molekularen Daten mit „Ja“.

Die typischen Symptome der Tollwut sind schon in antiken Schriften aus Europa und Mesopotamien zu finden. In der Neuen Welt sind Ausbrüche aber erst rund zweihundert Jahre nach Kolumbus dokumentiert. Ein Team von Forschern an amerikanischen und britischen Einrichtungen hat nun historische Berichte über tollwütige Hunde, Kojoten, Skunks, Polarfüchse oder Fledermäuse ausgewertet und zudem Reise- oder Inkubationsdauer sowie Gendaten zu Viren und Hunderassen berücksichtigt. In ihrer 2017 im Fachjournal Antiviral Research veröffentlichten Studie gehen sie davon aus, dass Tollwut tatsächlich erst mit Anfang des 18. Jahrhunderts zum erheblichen Risiko für amerikanische Hunde wurde. Vermutlich sind Vertreter des RABV-Typs zweimal unabhängig voneinander dorthin gelangt und haben unterschiedliche Wirtswechsel durchgemacht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Tourismus-Krise : Das große Sterben der Hotels

Stadturlauber fehlen, Geschäftsleute auch: Viele Hoteliers bangen um ihre Existenz. Das Aus für erste Adressen wie das „Anna“ in München oder den Hessischen Hof in Frankfurt gilt als Auftakt einer „dramatischen Auslese“.
Olaf Scholz während der Haushalts-Debatte im Bundestag.

Deutschlands Finanzen : Mehr Demut vor den Schulden

Olaf Scholz, der für die SPD die Kanzlerkrone holen soll, versucht daher, aus der Schulden-Not eine Tugend zu machen. Das ist gefährlich.

Corona-Infektionen : Bund und Länder wollen Privatfeiern beschränken

Ein Beschlussvorschlag für die Bund-Länder-Konferenz am Nachmittag sieht konkrete Höchstteilnehmerzahlen für private Feiern vor. Ausnahmen soll es nur mit Hygieneplan und Genehmigung vom Gesundheitsamt geben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.