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Therapiemängel : Bluthochdruck ist nie eine Bagatelle

  • -Aktualisiert am

Behandlungsmängel können zu erheblichen Nebenwirkungen führen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Eine Wissenslücke ist geschlossen, die Experten bis vor kurzem Kopfzerbrechen bereitet hat: Hochbetagte profitieren von einer Therapie gegen Bluthochdruck genauso wie Jüngere. Die Gefahr von Schwindelanfällen und Stürzen wird oft überschätzt.

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          Ein fortgeschrittenes Alter ist kein Grund, Patienten mit hohem Blutdruck eine Therapie zu verweigern. Denn auch sie profitieren offenbar erheblich von blutdrucksenkenden Medikamenten. Zu diesem Ergebnis kommt eine klinische Studie, an der 195 Zentren in weltweit 13 Ländern mitgewirkt haben. Sie schließt eine Wissenslücke, die Experten noch bis vor kurzem erhebliches Kopfzerbrechen bereitet hat. Unklar war bislang nämlich, ob eine Behandlung des Bluthochdrucks hochbetagten Menschen in gleichem Maße zugute kommt wie jüngeren. Verschiedene Beobachtungen hatten Anlass zur Sorge gegeben, dass man den Betroffenen damit möglicherweise eher schadet als nützt.

          Eine Antwort auf die offen gebliebenen Fragen gibt nun eine neue Studie mit dem Kürzel HYVET. Die an der Untersuchung beteiligten Patienten, rund 3900 Männer und Frauen, waren zwischen 80 und 105 Jahre alt und litten alle an essentiellem - nicht durch ein anderes Leiden bedingtem - Bluthochdruck. Die Probanden wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Die einen erhielten ein Diuretikum und - falls sich der Blutdruck hiermit nicht hinreichend senken ließ - zusätzlich einen ACE-Hemmer, die anderen ein pharmakologisch unwirksames Scheinmedikament.

          Hochdruckmittel führte nur vereinzelt zu schwere Nebenwirkungen

          Schon nach einem Jahr erwies sich die Hochdrucktherapie der Scheinbehandlung als sichtlich überlegen, und nach zwei Jahren war der Vorsprung noch größer. Wie Nigel Beckett vom Imperial College London und die anderen Forscher im „New England Journal of Medicine“ (Bd. 358, S. 1887) ausführen, konnten die Hochdruckmittel das Risiko von Schlaganfällen um 30 Prozent vermindern, jenes von tödlichen Herzkreislaufattacken um mehr als 20 Prozent. Noch größer war der Unterschied, was die Häufigkeit von Herzversagen anbelangte. So betrug das entsprechende Risiko in dem mit Medikamenten versorgten Kollektiv nur etwa ein Drittel desjenigen in der Vergleichsgruppe.

          Die Anwendung der Hochdruckmittel scheint nur vereinzelt zu schweren Nebenwirkungen geführt zu haben. Dieses Resultat bezeichnet Hermann Haller von der Abteilung für Nephrologie der Medizinischen Hochschule in Hannover als äußerst beruhigend. Denn es lege den Schluss nahe, dass man die Gefahr eines zu starken Blutdruckabfalls, in dessen Folge Schwindelanfälle und Stürze auftreten können, überschätzt hat. Wie der Nierenspezialist aber einräumt, birgt eine zu intensive Hochdrucktherapie im hohen Alter durchaus solche Risiken. Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang, dass bei den Teilnehmern der vorliegenden Studie keine Normalisierung, sondern lediglich eine moderate Senkung des Blutdrucks angestrebt wurde. So sollten die Ärzte den „oberen“ - den systolischen - Blutdruck nur auf einen Wert von weniger als 150 senken. Als normal gelten aber Werte von weniger als 130.

          Ernüchternde Behandlungsfehler

          Die schwerwiegenden Folgen eines zu hohen Blutdrucks lassen sich freilich nur abwenden, wenn einerseits der Arzt den Erfolg der Behandlung regelmäßig überprüft und andererseits der Patient die verordneten Medikamente regelmäßig einnimmt. Beide Voraussetzungen scheinen indes oft nicht erfüllt zu sein. Darauf weisen die Ergebnisse einer Studie hin, die sich auf die Daten von rund 40.000 amerikanischen Kriegsveteranen stützt. Die Internistin Michele Heisler von der Universität in Ann Arbor (Michigan) und ihre Kollegen sind der Frage nachgegangen, wie regelmäßig die Betroffenen ihre Rezepte in der Apotheke einlösten und was die Ärzte unternahmen, wenn die Therapie nicht die erwünschte Wirkung zeigte.

          Das Resultat ist ernüchternd. Denn die mindestens einmal jährlich vorgenommenen Blutdruckkontrollen deckten bei etlichen Teilnehmern zu hohe Werte auf. Insgesamt lag die Zahl solcher therapeutischer „Ausreißer“ bei fast 70.000 im Jahr, betrug somit durchschnittlich ein bis zwei pro Patient und Jahr. In rund 40 Prozent der Fälle war die Behandlung zum Scheitern verurteilt, weil der Kranke seine Hochdruckmittel zum Teil monatelang nicht eingenommen hatte. Ähnlich oft war die Therapie nicht intensiv genug.

          Darüber hinaus entdeckten die Autoren noch weitere Behandlungsmängel. So gab es offenbar Ärzte, die Patienten mit schlecht eingestelltem Blutdruck zusätzliche Medikamente verordneten, ohne den genauen Grund für den unzureichenden Therapieerfolg zu kennen. Wie die Autoren in der Zeitschrift „Circulation“ (Bd. 117, S. 2884) berichten, handelte es sich vorwiegend um Personen, die ihre Therapie beständig vernachlässigt hatten. Solchen Patienten noch mehr Hochdruckmittel zu verschreiben, verursacht aber nicht nur unnötige Kosten, sondern birgt darüber hinaus die Gefahr, dass die Kranken schwere Nebenwirkungen erleiden.

          Die Situation in Deutschland dürfte kaum besser sein

          In Deutschland dürfte die Situation nach Einschätzung von Martin Middeke vom Blutdruckinstitut im München nicht viel besser sein. Genaue Angaben seien hierzulande allerdings nicht möglich, da die Krankenkassen die einschlägigen Daten nicht zu Forschungszwecken nutzten. Dass es in der Praxis so schwierig ist, das enorme Potential der Hochdrucktherapie auszuschöpfen, liegt laut Middeke einerseits an der oft mangelnden Motivation und Verlässlichkeit der Patienten, was die korrekte Einnahme der Tabletten anbelangt. Und andererseits versäumten es viele Ärzte, die Therapie so lange zu intensivieren, bis der Zielblutdruck erreicht ist.

          Wie Haller zudem bemängelt, wird die Behandlung der Hypertonie in der Medizin vielfach als Bagatelle angesehen und daher nicht ernst genug genommen. Gerade bei betagten Patienten könne die Hochdrucktherapie indes enorm anspruchsvoll sein. Denn solche Personen wiesen meist noch weitere behandlungsbedürftige Leiden auf, die es bei der Wahl geeigneter Hochdruckmittel zu berücksichtigen gilt.

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