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Tabuthema Inkontinenz : Es wird zu schnell zur Windel gegriffen

  • -Aktualisiert am

Windelprüfung bei der Paul Hartmann AG Bild: dpa/dpaweb

Die Medizin wendet sich beim Thema Inkontinenz ab. Doch sollte die Windel nur das letzte Mittel sein. Oft würde schon eine bessere Abstimmung der Medikamente helfen.

          Als in Japan 2015 erstmals mehr Windeln für Senioren als für Babys verkauft worden sind, galt dies Demographen als weiterer Beleg für die Überalterung vieler Nationen. Der Zellstoffhersteller SCA - dessen TENA-Inkontinenzprodukte beherrschen den europäischen Markt mit 60 Prozent - sieht das eher als Zeichen dafür, dass sich Senioren von einer schwachen Blase nicht von Freizeitaktivitäten und Sozialkontakten abhalten lassen wollen. Für Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologischen Klinik am Evangelischen Krankenhaus Witten, symbolisiert das jedoch vor allem ein Versagen der Medizin. „Windeln oder Vorlagen sind doch keine ,Level-one-Körperpflege‘, auch wenn sie so vermarktet werden. Es handelt sich bei der Inkontinenz um eine Erkrankung, die man behandeln sollte“, betont der Urologe. Für ihn ist die Windel lediglich eine regressive Notlösung: „Damit dokumentieren wir Abhängigkeit, der Windelträger sinkt auf Kleinkindniveau.“

          In Sachen Diagnose und Therapie der Inkontinenz gibt es jedoch erhebliche Defizite, die letztlich zu Lasten der Patienten und ebenso zu Lasten der pflegenden Angehörigen gehen. Wie Wiedemann soeben in einer Mitteilung der Deutschen Inkontinenzgesellschaft beklagt, ist den wenigsten Gesundheitspolitikern bewusst, dass Inkontinenz ein Begleitphänomen zahlreicher Erkrankungen ist, dass diese sich wechselseitig aufschaukeln und dass Inkontinenz künftig praktisch alle Fächer der Medizin durchdringen wird. Nichts macht dies augenfälliger als die Tatsache, dass zahlreiche Arzneimittel zur Behandlung einer Demenz die Blasenfunktion beeinträchtigen - und dass Harnblasenmittel sich katastrophal auf das Gehirn auswirken können. „Gerade neuere Antidementiva wie Donezepil, Rivastigmin und Galantamin verändern als Cholinesterasehemmer die Funktion des Detrusors - jenes Muskels, der für die Entleerung der Blase zuständig ist“, erläutert Wiedemann.

          Eine Fülle von Medikamenten beeinträchtigt Schließmuskel

          Das ist umso problematischer, als die Demenz selbst schon für eine überaktive Blase verantwortlich sein kann. Andererseits sind Anticholinergika, die man beispielsweise zur Therapie einer überaktiven Blase einsetzt und die ins Gehirn gelangen, mit Nebenwirkungen wie Schwindel, Schlafstörungen und Delirium behaftet. „Es ist inzwischen bekannt, das langjährige Behandlungen mit solchen Anticholinergika die Kognition der Patienten beeinträchtigen.“ Stellt man sich nun einen älteren Patienten vor, der nachts öfter auf die Toilette muss und dem dann durch ein Medikament zusätzlich schwindelig wird, ist ein Sturz geradezu programmiert. Für die Betroffenen potentiert die häufig infolge einer Sturzverletzung verstärkte Immobilität die Inkontinenz. Denn Inkontinenz ist auch eine Frage der Beweglichkeit: Wenn der Schließmuskel nicht mehr verlässlich funktioniert, ist es umso wichtiger, bei Harndrang so rasch wie möglich zur Toilette zu kommen. Sturzprophylaxe wird damit zu einer Aufgabe, die letztlich verhütet, dass sich verschiedene Inkontinenzformen weiter verschlimmern.

          Ähnlich unglückliche Teufelskreise ergeben sich aus Demenz, Diabetes und Inkontinenz: „Wir wissen aus einer eigenen Erhebung an der Universität Witten-Herdecke, dass beispielsweise unter Diabetikern doppelt so viele inkontinent sind wie unter Patienten gleichen Alters, die nicht zuckerkrank sind“, sagt Wiedemann. Aber die Zivilisationskrankheit Diabetes schlägt längst nicht nur auf die Blase, sondern auch auf die Gehirnfunktion. Das Risiko einer Demenz ist unter Diabetikern deutlich höher. Gleichzeitig ziehen manche Antidiabetes-Medikamente, die einen vermehrten Zuckerabfluss über den Harn herbeiführen, mehr Harninfektionen und eine Harnflut nach sich. Alles Faktoren, die bei der Entstehung verschiedener Inkontinenzformen wirken und diese verschlechtern können.

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