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Tabakmedizin : Rauch im Hintern

Bei manchen sind Pfeifen auch heute noch beliebt, wie vor 150 Jahren - das „Jahrhundert der Zigarette“ brach erst nach 1900 an. Bild: dpa

Vom Allheilmittel zum Massenmörder: Tabak spielte in der Medizin eine skandalöse Rolle und Probleme gibt es noch heute.

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          So sei „nichts dem Leben und der Gesundheit so nötig und dienstlich als der Rauch des Tabaks“, schrieb 1685 Cornelius Bontekoe, der Leibarzt des Kurfürsten und späteren preußischen Königs Friedrich I. Ärzte verordneten Tabak damals bei Darmbeschwerden, Furunkel, Taubheit und Wunden aller Art – ein Wundermedikament.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute sterben in Deutschland jedes Jahr rund 120.000 Raucher an den Folgen ihrer Sucht, das Gesundheitsministerium bezeichnet Rauchen als das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko. Der Weg zu dieser Erkenntnis zog sich hin: Jahrhundertelang feierten Mediziner die heilende Kraft dieses Nachtschattengewächs. Nachdem die Gefahren im 20. Jahrhundert erkannt wurden, verschleierten die großen Tabakkonzerne, wie riskant das Zigarettenqualmen wirklich ist. Wer heute davon loskommen will, findet meist nicht die nötige Unterstützung von seiner Krankenkasse, dort wird Rauchen oft als Lifestyle eingeordnet und nicht als Suchterkrankung.

          Den Ureinwohnern Südamerikas gilt Tabak als heiliges Kraut. Ihre Schamanen versetzten sich schon vor Jahrhunderten damit in Trance, versuchten sich so mit ihren Gottheiten zu verbinden. Tabak wurde rituell geraucht, geschnupft oder als Sud aus seinen Blättern getrunken, um Schmerzen zu lindern oder auf langen Wanderungen Hunger und Durst zu unterdrücken. Den europäischen Seefahrern erschien der indianische Tabakkonsum zwar barbarisch, doch vermuteten sie gewisse medizinische Qualitäten bei der fremden Pflanze.

          Rauchen gegen zu viel Feuchtigkeit im Körper

          Jean Nicot Sieur de Villemain, um 1560 der französische Gesandte am Hof in Portugal, experimentierte in Lissabon als Erster mit den Heilkräften des Tabaks. Eine tiefe Schnittwunde am Daumen des Kochs verheilte prompt, nachdem Nicot Tabaksaft aufgetragen hatte, und zerstoßene Tabakblätter ließen Krebsgeschwüre angeblich schwinden. Als Caterina de’ Medici (1519 bis 1589) die Kopfschmerzen ihres Sohnes, Frankreichs König Franz II., mit Tabak behandelte, wurde die Tabakmedizin in Europa rasch populär. 1571 führte der spanische Arzt Nicolás Monardes in einem Lehrwerk mehr als vierzig Anwendungen von Nicotiana auf, darunter Asthma, Rheuma, Nierenschmerzen und Uteruskoliken, kurz, bei fast jeder Krankheit wurden Tabakmixturen eingesetzt, als Salben, Tabletten oder Öle. Gemäß der Viersäftelehre empfahlen Heilkundige jenen Patienten zu rauchen, deren Körper unter Feuchtigkeit litt: Das würde die Lunge gut austrocknen. Besonders beschworen wurde die abführende Wirkung des Tabaks. Der Hamburger Arzt Johann Stisser präsentierte 1686 gar ein „Klystiergerät“, bei dem ein eisernes Tabak-Döschen mit einem ledernen Schlauch verbunden war. Ein Ende wurde dem Patienten rektal eingeführt, auf der anderen Seite blies der Behandelnde kräftig hinein: „Wenn der Toback in dem Büchschen angezündet worden ist, lässet man durch jemand den Rauch stark in den Hintern blasen.“ Derlei verursachte vermutlich bei allen Beteiligten Vergiftungserscheinungen, die von Erbrechen und Ohnmacht bis zum Tod reichen konnten.

          Ärzte, die Zigaretten empfehlen - in den Fünfzigerjahren warben Zigarettenfirmen gerne auf diese Weise.

          Große Sorgen bereitete den Ärzten damals der „Abusus“ des Tabaks, wie die Medizinerin Martina Enke in ihrer Abhandlung zu der Geschichte von Tabak in der Medizin von 1998 schreibt. Anfang des 17. Jahrhunderts quarzten immer mehr Engländer zum reinen Vergnügen. Das Königshaus startete eine Art Präventionskampange; zeitweise wurde Tabak verboten, die Preise in die Höhe getrieben. Nichts half. Tabak verbreite sich in Europa als Genussmittel, die Ärzte akzeptierten mäßiges Rauchen, warnten aber vor den Folgen: Das Freizeitrauchen verkruste und schrumpfe das Gehirn und schädige den Magen. Als Heilmittel gaben Mediziner Tabak im 19. Jahrhundert auf, schreibt Enke. Gleichzeitig erstarkt die Forschung, 1828 isolierten die Heidelberger Wissenschaftler Karl Reimann und Christian Posselt den Wirkstoff Nikotin. Um die Jahrhundertwende mehrten sich zudem Fälle von Lungenkarzinomen, doch das „Jahrhundert der Zigarette“ war angebrochen: Angefixt durch den Ersten Weltkrieg stieg der Verbrauch der Deutschen an Zigaretten auf über dreihundert Stück pro Kopf im Jahr 1927.

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