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Süchte und Infektionen : Obdachlosigkeit macht krank

  • -Aktualisiert am

Obdachloser in Berlin Bild: dpa

Sucht, HIV, Tuberkulose: Obdachlose gehören zu den kränksten Menschen in unserer Gesellschaft, bilanzieren Forscher in einer neuen Studie. Ganz ohne Wohnung zu sein, ist dabei noch riskanter als das Leben in Notunterkünften.

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          Nacht für Nacht sind in Europa und den Vereinigten Staaten eine Million Menschen obdachlos. In der Europäischen Union steigt die Zahl der Obdachlosen seit fünf Jahren an, auch in Deutschland. Die Fachzeitschrift „Lancet“ macht in ihrer neuesten Ausgabe auf die gesundheitliche Situation dieser Gruppe aufmerksam (Bd.384, S.1529). „Obdachlose gehören zu den kränkesten Menschen in unserer Gesellschaft“, schreiben Seena Fazel von der University of Oxford und seine Kollegen. „Wegen der schlechten Gesundheit sind sie Jahrzehnte früher alt.“ Es sei angesichts der steigenden Zahl von Obdachlosen wichtiger denn je, auch etwas gegen die strukturellen Ursachen zu tun wie Armut, Arbeitslosigkeit oder die wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten für gering qualifizierte Arbeitskräfte.

          Während in Europa früher vor allem Männer mittleren Alters obdachlos waren, leben heute zunehmend mehr junge Menschen, Frauen oder Familien auf der Straße, in Notunterkünften, Herbergen oder Übergangswohnheimen. Viele Obdachlose leiden unter Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, einer HIV-Infektion und Hepatitis C, haben psychische Erkrankungen und sind alkohol- und drogenabhängig. In den Vereinigten Staaten ist der Anteil der Menschen mit Tuberkulose unter den Obdachlosen vierzigmal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck sind bei Obdachlosen zumeist schlechter eingestellt als bei Patienten mit festem Wohnsitz, weil Obdachlose seltener behandelt werden. Auch die Lebenserwartung sei geringer, schreibt Fazel. Das Risiko zu sterben, ist für Obdachlose zwei- bis fünfmal höher als für Menschen, die in einem mietvertraglich abgesicherten Wohnraum leben. Daran hat sich offensichtlich trotz aller Bemühungen in den zurückliegenden zwanzig Jahren nichts geändert. Allerdings haben sich die Todesursachen verschoben.

          Sucht ist häufig

          Früher starben mehr Obdachlose an Aids, heute sind Suchterkrankungen eine häufige Todesursache. Die geringere Lebenserwartung geht allerdings auch auf unbeabsichtigte Verletzungen oder Selbsttötungen zurück. Die Autoren verweisen auf eine Studie aus Boston, nach der jeder zweite ältere Obdachlose in dem Jahr vor der Befragung gestürzt war. Von den älteren Menschen mit festem Wohnsitz fällt statistisch gesehen nur jeder Vierzehnte. Die geringere Lebenserwartung zeigt sich vor allem bei den jüngeren Obdachlosen.

          Die Rate an physischen Erkrankungen hängt offensichtlich stark von der untersuchten Stichprobe ab. Das bestätigte auch Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Bielefeld. Obdachlose, die in Übergangswohnheimen, Unterkünften oder bei Freunden wohnen, haben eine bessere physische Gesundheit als diejenigen, die auf der Straße leben. Dauerhaft obdachlose Menschen sind auch eher psychisch krank als Menschen, die nur vorübergehend ohne festen Wohnsitz sind, etwa wegen einer Scheidung, wegen gewalttätiger Übergriffe oder wegen Arbeitslosigkeit.

          Lückenhafte Statistik

          In den meisten europäischen Ländern – so auch in Deutschland – wird offiziell nicht zwischen dem Leben auf der Straße und dem Leben in Unterkünften unterschieden. Jeder, der nicht in einem mietvertraglich abgesicherten Wohnraum lebt, gilt als wohnungslos. Die Fachleute sprechen daher auch von Wohnungslosigkeit oder Wohnungsnotfall, nicht von Obdachlosigkeit. Menschen, die auf der Straße leben, sind nur ein Teil der Wohnungslosen. Fazel kritisiert auch, dass viele Länder nur Schätzwerte zu den Obdachlosen-Zahlen veröffentlichen. Dazu gehört auch Deutschland. Die deutschen Schätzwerte werden von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe erhoben, die seit Jahren gesetzliche Grundlagen für eine bundesweite Statistik fordert. Laut der Schätzung von 2012 haben in Deutschland 284000 Menschen keine mietvertragliche abgesicherte Wohnung, 24000 leben auf der Straße. In den Vereinigten Staaten wird jährlich registriert, wie viele Menschen im Freien oder in Unterkünften leben.

          Weil sich die Zahl der Obdachlosen durch Armutseinwanderung, Wirtschaftskrise und die Erosion der Familien weiter erhöhen wird, plädiert das Team um Fazel für mehr und bessere Programme gegen Obdachlosigkeit, vor allem dort, wo das Risiko hoch ist, etwa wenn Menschen aus dem Gefängnis oder einer psychiatrischen Klinik entlassen werden oder bei schwierigen sozialen Verhältnissen. Obdachlosigkeit zeigt auf extreme Weise, was passiert, wenn Leistungen und Programme für Bedürftige nicht aufeinander abgestimmt sind.

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