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Studie in Alten- und Pflegeheimen : Jeder zehnte Todesfall ist nicht natürlich

  • -Aktualisiert am

Bewohnerin eines Alten- und Pflegeheimes in Mecklenburg-Vorpommern Bild: Picture-Alliance

Ärzte scheinen in Pflegeheimen fast reflexartig einen „natürlichen Tod“ anzunehmen und ihn zu attestieren. Doch das ist oft falsch, zeigt eine neue deutsche Studie.

          Die ärztliche Leichenschau und das Ausstellen eines Totenscheins sind die letzten Dienste, die ein Arzt einem Menschen erweist. Tanja Germerott vom Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover und ihre Kollegen sind der Frage nachgegangen, wie sorgfältig dieser Dienst in Alten- und Pflegeheimen ausgeführt wird. Dabei zeigte sich, dass sowohl bei der Feststellung der Todesart als auch bei der Todesursache viele Fehler gemacht werden. Jeder zehnte als natürlich eingestufte Todesfall erwies sich bei der Obduktion als nicht natürlicher Todesfall, und nahezu jede zweite auf dem Totenschein vermerkte Todesursache entsprach nicht dem Ergebnis der Obduktion. Die umgekehrte Zuordnung bereitete ebenfalls Schwierigkeiten. Fast jeder zweite als nicht natürlich klassifizierte Todesfall war de facto ein natürlicher Tod. Offensichtlich tun sich Ärzte schwer, Todesarten und Todesursachen richtig zu erkennen. Anders sind die Ergebnisse nicht zu erklären.

          Nicht natürlich ist ein Tod, der durch Selbstmord, Unfall, eine strafbare Handlung oder durch andere Einwirkungen von außen eingetreten ist. Dazu gehört auch unterlassene Hilfeleistung. Natürlich ist ein Tod, der eine krankhafte Ursache hat und völlig frei von rechtlich bedeutsamen Faktoren zustande gekommen ist. Bricht sich jemand bei einem Sturz den Oberschenkelhals und stirbt wenig später im Krankenhaus an einer Lungenembolie, ist dies ein nicht natürlicher Todesfall. Hinter dieser Todesart steht also nicht zwangsläufig eine Straftat.

          Sichtung von Obduktionsakten

          Die Zahlen, die Tanja Germerott und ihre Kollegen erhoben und in der Zeitschrift „Rechtsmedizin“ veröffentlicht haben, basieren auf der Sichtung von 356 Obduktionsakten, die über einen Zeitraum von zehn Jahren im Institut für Rechtsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover angefallen sind (Bd. 24, S. 387). Alle Toten waren mindestens sechzig Jahre alt geworden und hatten zuletzt in einem Alten- oder Pflegeheim gewohnt. Der häufigste Grund für die rechtsmedizinische Untersuchung war der Verdacht auf ärztliches oder pflegerisches Fehlverhalten oder Fremdverschulden gewesen. Fast vierzig Prozent der Obduktionen waren nach der Leichenschau im Krematorium angeordnet worden. Bevor ein Toter in Deutschland eingeäschert wird, muss die Leiche ein zweites Mal von einem Amtsarzt untersucht werden. Ergeben sich dabei Zweifel an einem natürlichen Tod und lassen sich diese Zweifel nicht nach Rücksprache mit dem Arzt beseitigen, der den Toten zuletzt behandelt hat, wird eine rechtsmedizinische Obduktion veranlasst. Eine Einäscherung würde alle Hinweise auf eine mögliche Straftat vernichten. Die Leichenschau im Krematorium ist daher der letzte Zeitpunkt, um Versäumnisse bei der ersten Leichenschau zu korrigieren. Germerott und ihre Kollegen haben überprüft, ob die Angaben zu Todesart und Todesursache aus der ersten Leichenschau mit denen aus der rechtsmedizinischen Obduktion übereinstimmen.

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