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Stress nach Berufseinstieg : Die Albträume der Assistenzärzte

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Junge Klinikärzte sind von Stress besonders betroffen, fanden deutsche Arbeitsmediziner heraus. Immerhin: Zufrieden sind die Ärzte trotzdem, und oben auf der Karriereleiter sinkt die Belastung.

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          Mehr als die Hälfte aller im Krankenhaus tätigen Ärzte leidet unter gesundheitsschädigendem Stress. Zu diesem Ergebnis kommen Arbeitsmediziner der Goethe-Universität Frankfurt am Main und warnen vor den gesundheitlichen Folgen. Ihre Studie erhält nun den Walter Siegenthaler-Preis der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift (DMW)“. Mit dem Preis werden Autoren ausgezeichnet, deren Forschungsarbeit prägenden Einfluss auf Medizin und Gesundheit nimmt und im Vorjahr in der „DMW“ publiziert wurde. Verliehen wird die Auszeichnung an die Autoren Jan Bauer und David Groneberg heute in Wiesbaden während des 120. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.

          Der Studie von Bauer und Groneberg zufolge standen die Teilnehmer insbesondere in der Assistenzarztzeit unter Stress. Die weiblichen Ärzte litten im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen mehr unter dem Klinikalltag. Insgesamt sinkt der Stress jedoch mit jeder Stufe, die Mediziner auf der Karriereleiter nach oben steigen.

          Die Gesundheit leidet

          „Wie nehmen Ärztinnen und Ärzte an Krankenhäusern in Baden-Württemberg ihre stressbezogenen Arbeitsbedingungen wahr?“ So lautete die Fragestellung der Untersuchung, die die Mediziner am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Goethe-Universität Frankfurt durchführten. Mehr als 2000 Klinikärzte haben anonym einen Online-Fragebogen ausgefüllt. Die Umfrage ist Teil der iCept-Studie, in der bundesweit Mitglieder des Marburger Bundes nach ihrer Berufszufriedenheit befragt werden. Die Wissenschaftler maßen den gesundheitsschädigenden Berufsstress zum einen nach dem Job-Demand-Control-Modell: „Danach liegt negativer Stress, sogenannter Disstress, vor, wenn die Arbeitsanforderungen größer sind als die eigenen Handlungsspielräume“, erläutert Erstautor Jan Bauer. Zum anderen maßen sie ihn nach dem Effort-Reward-Imbalance-Modell: Hier komme es zum Disstress, wenn der selbst wahrgenommene Einsatz in der Arbeit nicht zu der entsprechend erwarteten Belohnung führt.

          Der Umfrage zufolge lagen die Voraussetzungen für einen auf Dauer ungesunden Stress bei gut 55 Prozent der befragten Mediziner vor. Ärztinnen waren dabei häufiger betroffen. Sie litten zu rund 60 Prozent unter ihrem Berufsalltag. 64 Prozent der Assistenzärzte empfanden die Belastungen zu Beginn der beruflichen Laufbahn als besonders hoch. Diese Situation verbesserte sich mit dem beruflichen Aufstieg. So litten von den Fachärzten noch rund 54 Prozent unter Disstress, bei den Oberärzten waren es 46 Prozent. Von den Chefärzten empfanden nur noch knapp 25 Prozent ihre Arbeitsbedingungen als belastend.

          Albträume und Schlaflosigkeit

          Trotzdem gaben die meisten Ärzte an, mit ihrem Beruf zufrieden zu sein. „Es ist anzunehmen, dass der soziale Rückhalt und die Bestätigung durch Patienten ihnen hilft, den Disstress zu ertragen“, so Ko-Autor Groneberg. Gesund ist diese Situation trotzdem nicht. Denn anhaltender Stress führt zu Nervosität, Albträumen, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. „Diese Ergebnisse geben Anlass zur Sorge, da dieser hohe Anteil an gesundheitsschädigendem Stress früher oder später das bestehende Versorgungsproblem durch Abwanderung ins Ausland oder andere (weniger belastende) Tätigkeitsfelder verschärfen wird“, bilanzieren die Autoren in ihrer Studie. „Alle Beteiligten sollten dies als Anstoß nehmen, die Arbeitsbedingungen in Kliniken entsprechend anzupassen.“

          Die Preisträger fordern deshalb: „Vor allem der Berufseinstieg muss erleichtert werden, da gerade hier das größte Stresspotenzial vorliegt.“ Andernfalls könne sich das bereits bestehende Versorgungsproblem weiter verschärfen.

          Die unabhängige Fachjury des Walter Siegenthaler-Preises überzeugte die 2013 publizierte Arbeit vor allem durch ihre ausführlichen und gut gegliederten Ergebnisse. „Die Studie zeigt, wie wichtig es ist, die ärztlichen Arbeitsbedingungen an Krankenhäusern auch in Folge-Untersuchungen zu prüfen und anhand der vorliegenden Ergebnisse zu verbessern“, betont Martin Middeke, Vorsitzender der Jury und Chefredakteur der „DMW“, die im Georg Thieme Verlag erscheint. Der nach dem Schweizer Internisten Walter Siegenthaler (1923-2010) benannte Preis wurde in diesem Jahr zum fünfzehnten Mal vergeben.

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