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Streitgespräch zu Krebsstudie : „Klar entscheiden am Ende die Patienten“

Darstellung der Prostata. Aus dem Aufklärungsfilm zur Prefere-Studie. Bild: Prefere

Groß, richtungsweisend, einmalig - für den Start der „Prefere“-Krebsstudie wurde mit Superlativen nicht gegeizt. Mit dem Prostata-Projekt wollte man in die Weltspitze der klinischen Forschung vorstoßen. Jetzt streiten sich die Gründer, weshalb die Patienten fehlen.

          11 Min.

          FRAGE: Meine Herren, vier scheinbar gleichwertige Therapieoptionen gegen Krebs im Frühstadium, das klingt für viele Menschen erst einmal positiv. Ärzte und Patienten entscheiden zusammen, was für den Mann das Beste ist. Ist das eine so schlechte Situation?

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Stöckle: In unseren Leitlinien findet sich der Satz, dass der Patient über vier Behandlungsalternativen aufzuklären ist. Das könnte so aussehen, als wüssten wir, dass die alle gleich gut sind. Das stimmt aber mitnichten. Wir wissen nur, dass jede einzelne der vier Alternativen vielen der Betroffenen den Tod am Tumor ersparen kann.

          Prof. Michael Stöckle, Universität des Saarlandes, Studienleiter Prefere
          Prof. Michael Stöckle, Universität des Saarlandes, Studienleiter Prefere : Bild: Privat

          Wir wissen aber auch, dass manche auch ohne jede Therapie nicht am Tumor versterben werden, nur wissen wir nicht wirklich, ob eine der vier Therapien vielleicht doch besser als die anderen ist, oder ob sie wirklich gleich gut bei unterschiedlichen Nebenwirkungen sind. Wir wollen nun dahin kommen, dass wir dem Patienten künftig mitteilen können, was genau für ihn das Beste ist. Und diese Frage müssen wir mit der Studie dringend beantworten.

          Wiegel: Das Design dieser Studie ist wirklich einzigartig.

          Prof. Thomas Wiegel, Universität Ulm, Studienleiter Prefere
          Prof. Thomas Wiegel, Universität Ulm, Studienleiter Prefere : Bild: Privat

          FRAGE: Wie viele Patienten hat man bisher zur Teilnahme an der Studie bekommen?

          Stöckle: In den Studienzentren quer über das Land wird im Mittel seit sieben bis acht Monaten rekrutiert. Wir sind jetzt bei etwa 220 Patienten. Das ist sicher weit unter der Sollkurve, daran ist nichts zu deuteln. Ein Drittel der Studienzentren hat noch keinen einzigen Patienten eingebracht.

          FRAGE: Offenbar wollen nicht viele Patienten an der Studie teilnehmen? Woran liegt es?

          Stöckle: Wir sind davon ausgegangen, dass von vier geeigneten Patienten einer mitmachen würden. Das würde ausreichen, wenn auch tatsächlich alle geeigneten Patienten zumindest über die Studie informiert würden. Das Hauptproblem ist sicher, dass viele Patienten überhaupt nicht von der Studie erfahren.

          Wiegel: Eine Abschätzung vorher hat ergeben, dass die Teilnahmerate bei deutlich unter zehn Prozent liegt, gerechnet haben wir wie gesagt mit 20 bis 25 Prozent.

          FRAGE: Sind das bloß Anfangsschwierigkeiten?

          Prof. Andreas Neubauer, Universität Ulm,  Leiter des Fachausschusses ’Krebs-Therapiestudien’ der Deutschen Krebshilfe
          Prof. Andreas Neubauer, Universität Ulm, Leiter des Fachausschusses ’Krebs-Therapiestudien’ der Deutschen Krebshilfe : Bild: Privat

          Neubauer: Es ist schon grundsätzlich schwierig, wenn man Patienten nach dem Zufallsprinzip zwischen chirurgischen und nichtchirurgischen Behandlungsoptionen zuweist. Solche Beispiele der Randomisierung gibt es aber auch aus der Gynäkologie und von anderen Tumorerkrankungen, wie zum Beispiel dem Speiseröhrenkrebs, wo solche Zufallszuteilungen geklappt haben. Die deutsche Bevölkerung ist auch nicht grundsätzlich feindlich gegenüber solchen klinischen Studien. Keine Frage, es ist einem Tumorpatienten oft schwer zu vermitteln, zuzuwarten und erst mal nicht zu operieren; viele Patienten fordern ja: Doktor machen Sie doch was, geben Sie mir irgendeine Chemotherapie. Aber das muss eben vermittelt werden.

          Stöckle: Bei meinen Patienten, die ich aufgeklärt habe, war ein größerer Prozentsatz als 25 Prozent bereit, sich randomisieren zu lassen. Wenn man sich Zeit nimmt, mit dem Patienten zu sprechen, ist die Zustimmungsrate deutlich besser als 25 Prozent. Weil die Therapie-Alternativen so weit auseinander liegen, also im Extrem operieren gegen erst mal abwarten, hat der Patient das Recht, bis zu zwei der Alternativen abzuwählen. Anschließend wird er per Zufallsprinzip einer der beiden verbliebenen Optionen zugewiesen.

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