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Das Streitgespräch: Alzheimer : Heilung - wie nah ist man wirklich dran?

Beyreuther: Dreißig Prozent Verlangsamung ist in der Tat noch nicht so viel. Das Problem ist, dass man selbst die Patienten in der Frühphase zu spät entdeckt. Sie haben schon viele Synapsen verloren. Die Krankheit entwickelt sich auch bei den Behandelten leider weiter, wenn auch langsamer. Wir können den Zerfall bisher nicht aufhalten. Die Hoffnung ist, früher zu beginnen.

Bei den hohen Dosen von 400 Milligramm Antikörper im Monat wäre das allerdings eine sehr teure Prävention.

Beyreuther: Die Behandlung würde etwa 20.000 Euro im Jahr kosten.

Zur Vorbeugung könnte man das Medikament also kaum einsetzen.

Beyreuther: Das würde niemand bezahlen. Es würde sich aber auch kaum lohnen. Die Hälfte der MCI-Probanden mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen entwickelt keine Alzheimer-Demenz.

Herr Demetrius, gibt es in ihrem Mitochondrien-Modell überhaupt die Option für eine Prävention, wenn alle Menschen unter den alternden Mitochondrien leiden?

Demetrius: Die gibt es sehr wohl.

Beyreuther: Ich hätte da einen Vorschag: Nehmen wir Diabetes-Patienten. Sie haben ein erhöhtes Alzheimer-Risiko und Diabetes hat etwas mit der Schädigung der Mitochondrien zu tun. Es gibt ein Medikament namens Pioglitazon, von dem soeben in einer Veröffentlichung von einer deutschen Gruppe um Michael T. Heneka gezeigt worden ist, dass die langjährige Einnahme offenbar vor Alzheimer schützen kann. Es schützt die Mitochondrien. Das Mittel war eines der am meisten verschriebenen Arzneien, ist aber leider vom Markt genommen worden, weil es hieß, das Mittel löse Blasenkrebs aus. Der japanische Hersteller hatte Sorge, dass sie deswegen in den Vereinigten Staaten verklagt werden könnte. Der Wirkstoff stimuliert allerdings auch Insulin-abbauende Enzyme, die ebenfalls Amyloidbeta abbauen. Hier sind wir also wieder beide auf dem gleichen Zug.

Offenbar führen viele Wege zur Alzheimerkrankheit.

Beyreuther: Ja, wenn Sie richtig alt werden, müssen Sie offenbar ein Supermensch sein, um nicht Alzheimer zu bekommen. Das ist leider nur ein Promille der Bevölkerung.

Demetrius: In unserem Modell unterscheiden wir gesundes und pathologisches Altern. Wer gesund altert, hat zwar auch geschädigte Mitochondrien, aber es gibt eine Art Gleichgewicht mit den intakten Mitochondrien. Diese Menschen verlegen vielleicht mal ihre Schlüssel, sie können nicht mehr so effektiv rechnen, aber es gibt keine schwerwiegenden kognitiven Verluste. Unser Ziel sollte es sein, dieses Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, meinetwegen auch pharmakologisch. Der Übergang zum pathologischen Altern geschieht bei vielen Menschen ausgelöst durch ein nicht-neurologisches Ereignis, einen Schlaganfall etwa, einen Herzinfarkt, ein schweres Trauma durch den Verlust eines Lebenspartners oder eines Kindes. Zahlreiche epidemiologische Informationen sprechen dafür. Nach unserem Modell ist Alzheimer kein unausweichliches Schicksal. Wir können unsere Ernährung so ändern, dass wir die Mitochondrien schützen. Auch Menschen, die Sport treiben, tun etwas für ihre Stoffwechselgesundheit und ihr Gehirn. Die sporadische Form von Alzheimer ist eine Stoffwechsel-Erkrankung des Gehirns. Wir müssen nicht mit Anti-Amyloid-Medikamenten eingreifen.

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