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Das Streitgespräch: Alzheimer : Heilung - wie nah ist man wirklich dran?

Konrad Beyreuther ist jetzt optimistischer denn je.

Beyreuther: Ich sehe das anders. Mag sein, dass es unterschiedliche Gründe gibt, wenn sich bei der vererbten Form Amyloid anhäuft im Gehirn oder bei der sporadischen Form. Beim Down Syndrom haben wir eine starke Überproduktion von Amyloid, weil das Gen auf Chromosom 21 und bei Down Syndrom, der Trisomie 21, dreifach vorliegt. Die Patienten entwickeln meist schon mit fünfzig eine Alzheimer-Demenz. In der sporadischen Form spielen andere Mechanismen eine Rolle. Es ist gezeigt worden, dass das Auswaschen des Amyloids aus dem Hirngewebe gehemmt ist. Damit sammelt sich Abeta an. Diese Auswaschung ist ein komplexer Mechanismus, an dem die Astrozyten beteiligt sind. Aus Studien an Patienten mit einem künstlichen Drainagesystem der Hirnflüssigkeit wissen wir, dass diese Auswaschung in älteren Menschen beeinträchtigt ist. Wir haben es also mit einer Pseudo-Überproduktion von Abeta zu tun. Die Unterschiede zwischen sporadischer und genetischer Form sind also nicht vorhanden im Ergebnis. Es spricht alles dafür, dass die Nervenzellen zugrunde gehen, weil das Abeta giftig ist für die Nervenzellen.

Demetrius: Die Unterscheidung zwischen genetischer und sporadischer Form geht im Grunde zurück auf Otto Warburgs vorhin erwähnte Arbeiten über Krebserkrankungen. Er hat beobachtet, dass die Glykolyse zur Energiegewinnung in den Mitochondrien bei vielen Tumorzellen hoch reguliert ist. Wenn der Mensch altert und sich Fehler anhäufen, werden die Mitochondrien immer ineffektiver darin, die Überlebensfähigkeit der Zellen abzusichern. Normalerweise gewinnen unsere Zellen ihre Energie durch oxydative Phosphorylierung. Sie haben aber noch einen alternativen Pfad zur Energieproduktion, die Glykolyse. Um die Energiedefizite auszugleichen, verlagert sich die Energiegewinnung zunehmend auf diese Methode. Eben dies ist der Warburg Effekt. Aber diese Kompensation ist eine gefährliche Strategie, da Energiegewinnung durch Glykolyse schädliche Auswirkungen hat. Als die Genforschung ins Zentrum rückte, wurde fatalerweise Warburg vergessen. Aber inzwischen ist vielen klar, dass Krebs nicht nur eine genetische, sondern auch eine Stoffwechselkrankheit ist. - In der Tat ist Warburgs Modell der Entstehung von Krebserkrankungen die zentrale Idee, die dem Mitochondrien-bezogenen Modell für Alzheimer zugrunde liegt.

Wie ausradiert: Die Zerstörung immer größerer Teile des Gehirns führt zum großen Vergessen und am Ende sogar zum Verlust der Persönlichkeit.

Beyreuther: Einer unserer Biomarker ist, den Verbrauch von Glukose durch die Nervenzellen zu messen. Bei Demenz gibt es da klare Verschiebungen. Das hängt für mich auch mit den Mitochondrien zusammen. Eine Nervenzelle, deren Stoffwechsel gestört ist, stirbt den programmierten Zelltod, sie geht zugrunde. Die Hirnzellen sind der wichtigste Energieverbraucher im Körper, sie allein benötigen 25 Prozent unserer täglichen Energie. Nervenzellen sind teuer, sie benötigen ständig Energiezufuhr. Und tatsächlich startet die sporadische Alzheimer-Form im Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns („default memory network“). Dieses Netzwerk ist immer aktiv, auch wenn wir an nichts denken. Die Mitochondrien in diesem Teil des Gehirns müssen also besonders hart arbeiten. Gibt es Probleme mit der Energielieferung, beginnen das Dilemma. Das spricht also durchaus für die Mitochondrien-These. Eine These ist, dass sich in diesen Zellnetzwerken das Abeta anhäuft, weil es nicht mehr abtransportiert werden kann. So beginnt Alzheimer. Dieses Konzept bringt beide Thesen zusammen. Aber man bekommt nicht Demenz allein dadurch, dass die Mitochondrien nicht mehr genug Energie liefern. Dazu braucht es die Toxizität des Abeta.

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