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Das Streitgespräch: Alzheimer : Heilung - wie nah ist man wirklich dran?

Demetrius: Ich fürchte, die Therapie wird nur für eine kleine Gruppe wirksam sein. Natürlich ist auch eine Therapie, die bei fünf bis zehn Prozent der Patienten hilft, ein Fortschritt. Aber die Frage ist, warum wirkt sie nur bei diesen Patienten. Es ist doch unaufrichtig von einem großen Erfolg zu sprechen, wenn die Therapie nur bei fünf Prozent wirkt.

Wie kommen Sie auf fünf Prozent?

Demetrius: Es gibt zwei Formen der Alzheimer Erkrankung, eine familiale Form, die in einem frühen Alter ab ungefähr 40 Jahren manifest wird, und eine sogenannte sporadische Form, die in einem Alter ab ungefähr 70 Jahren zum Ausbruch kommt. Epidemiologische Studien zeigen, dass die familiale Form sehr selten ist und kaum fünf Prozent der Krankheitsfälle ausmacht. Verbreitet ist dagegen sporadische Form. - Die seltene, früh ausbrechende Alzheimer-Erkrankung nimmt den Verlauf einer akuten Krankheit. Deren wichtigstes Kennzeichen ist ein plötzlicher Ausbruch und schneller Verlauf. Tuberkulose ist ein typisches Beispiel. Bei akuten Krankheiten können wir den Auslöser meist klar identifizieren. Man findet das Tuberkulose-Bakterium und tötet es ab. Ich glaube, das Problem mit dem Amyloid-Kaskadenmodell ist, dass es lediglich für die akute Form von Alzheimer zutrifft, die familiale Form. Sie hat klare genetische Ursachen, die vererbt werden. Das vorklinische Stadium dieser Krankheit ist sehr kurz, der Beginn heftig. Wenn dagegen der Verlauf allmählich beginnt, wie bei vielen chronischen Formen von Alzheimer und Parkinson, bedeutet das, dass mehr als ausschließlich ein genetischer Faktor eine Rolle spielt.

Sie gilt als erste Alzheimer-Patientin: Auguste Deter in der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ im Jahr 1902

Welche sind diese anderen Faktoren?

Demetrius: Die Faktoren müssen wir in den Zellen suchen. Und die besten Kandidaten dafür sind die Mitochondrien. Das sind sozusagen die Energie-Kraftwerke der Zellen. Sie haben eine hohe Mutationsrate, und wenn wir älter werden, arbeiten sie immer weniger effektiv in der Bereitstellung von Energie. Bei altersabhängigen, chronischen Krankheiten wie Alzheimer spielen nun nicht nur Gendefekte im Zellkern eine wichtige Rolle, sondern eben auch die im Alter gehäuft von Fehlregulierungen betroffenen Mitochondrien. Wenn man die Mitochondrien als zweiten Spieler mit ins Feld nimmt, lässt sich viel leichter erklären, warum diese Krankheiten mit zunehmendem Alter exponentiell steigen.

Was bedeutet das im Hinblick auf die Therapiekonzepte?

Demetrius: Sobald wir akzeptieren, dass Alzheimer vermutlich eine starke energetische Komponente hat, können wir auch nach einer Stoffwechseltherapie suchen. Mit einer Therapie, die auf die genetischen Komponenten zielt, können wir vielleicht Amyloid entfernen, aber wir kurieren nicht die Alzheimer-Krankheit. Die Therapieversuche bisher sind gescheitert, weil man nicht die genetisch verursachte, familiale Form vorliegen hatte, sondern die nicht-akute altersbedingte Form.

Alzheimer ist also ein Ausdruck der Alterung von Mitochondrien?

Demetrius: Ja, die Mitochondrien spielen eine zentrale Rolle bei den Ursachen der meisten chronischen, altersbedingten Erkrankungen. Die Einsicht in die Bedeutung von Defekten in den Mitochondrien für das Entstehen solcher Krankheiten geht auf Otto Warburg zurück. Dieser betrachtete durch Alterungsprozesse ausgelöste Fehlregulierungen im Energie-Stoffwechsel als einen entscheidenden auslösenden Faktor bei bestimmten Krebs-Erkrankungen.

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